Pressestimmen zum Film \"The Passion of the Christ\"

Medien

Die Gute Nachricht nach Gibson - von Daniel Klingenberg uparrowprint druckenemail versenden

St. Gallen, 23.03.2004 / St. Galler Tagblatt

Die Passion Christi

Die Passion Christi

Der Kinofilm "The Passion" bleibt historisch und theologisch im Mittelalter stecken -
Brutal, antisemitisch - und ein Kassenschlager: Diesen Ruf hat Mel Gibsons Film "Die Passion Christi", der jetzt auch bei uns angelaufen ist. Was steckt theologisch darin? Ausser Blut nicht viel.

Immer live dabei mit Gibson, auch auf Golgatha: jeder Hammerschlag eine Detonation, Jesus ächzt und stöhnt, das Kreuz trieft von Blut - und die Tonspur flötet sanft. Gibsons Verfilmung "The Passion of the Christ" vom Donnerstag) erhebt den Anspruch, zu zeigen, «wie es war». Nichts leichter als das: Steht ja alles in den Evangelien. Also nehme man diese und stopfe sie in ein Drehbuch.

Sollte trotzdem nicht immer ganz klar sein, wie es war, so werden es Sonderoffenbarungen schon richten. «Der Heilige Geist wirkte durch mich, und ich war nur sein Verkehrspolizist», sagt Gibson. Gute Fahrt.

Evangelien-Klitterung

Natürlich zeigt Gibsons Film nicht, «wie es war». Auch er unterliegt jenem Vorgang, der die feministische Theologin Hanna Wolff einst zur schönen Feststellung anregte, Jesus sei «die grösste Projektionswand aller Jahrhunderte». Jede Weitergabe der Geschichte Jesu ist Interpretation, schon die Bibelworte selber sind es. Das ist nicht weiter schlimm, sondern menschlich. Schwierig ist allerdings, wenn dieser Vorgang nicht transparent gemacht wird. Das tut Gibson nicht, sondern er versucht geradezu den Eindruck einer Live-Übertragung - zum Beispiel durch die Verwendung aramäischer und lateinischer Sprache - zu erzeugen. Das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass Gibson zu den üblichen Methoden der Interpretation greift: Er wählt aus und er ergänzt, gerade so, wie es in sein Jesus-Bild passt. Zur Auswahl: Wozu braucht es vier Evangelien? Das sind exakt drei zu viel, denkt sich Gibson, nimmt aus allen ein wenig, aus dem Johannesevangelium etwas mehr und mixt die Teile zusammen. So kommt es, dass Jesus am Kreuz unmittelbar nacheinander zuerst das Markuswort - seinerseits Zitat aus Psalm 22 - spricht: «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Ein paar Sekunden später wird aus Johannes zitiert: «Es ist vollbracht.» Was jetzt? Verlassen oder vollbracht? Dass hinter beiden Kreuzesworten ausgefeilte theologische Konzepte stehen, die sich nur im Kontext des gesamten Evangeliums erschliessen, ist dem Gibson'schen Heiligen Geist entgangen. Neu ist das Vorgehen nicht: So genannte «Evangelien-Harmonien» wurden schon im 2. Jahrhundert entworfen. Gibson ergänzt den Stoff zudem mit ausserbiblischen Inhalten nach freier Wahl. So lässt er in Gethsemane den Teufel - mit Wurm in der Nase - auftreten und mischt ihn auch sonst immer wieder mal unter die Leute. Auch die heilige Veronika gibt ein Gastspiel, man sieht, wie sie das berühmte Schweisstuch mit dem Antlitz Christi erhält.

Frei von Geschichtswissen

Solcherlei ist das gute Recht eines Regisseurs. Schwerer wiegt allerdings die bewusste Missachtung zeitgeschichtlicher Erkenntnisse, die dem Film unter anderem den Vorwurf des Antisemitismus einträgt, ja: eintragen muss. Gotthold Ephraim Lessing hat in der Zeit der Aufklärung festgestellt, dass zwischen der Gegenwart und der Zeit Jesu der «garstige Graben der Geschichte» liege. Will heissen: Unsere Verstehensbedingungen sind ganz andere als diejenigen, unter denen die Evangelien geschrieben wurden. Aus diesem Grund ist die Theologie konsequent den Weg gegangen, die Bibel nicht als vom Himmel gefallenes, sondern als geschichtliches Buch zu verstehen. Diese unterschiedlichen Haltungen lassen sich sehr schön zeigen am Beispiel der Frage nach der Verantwortung für Jesu Tod. Gibson teilt den jüdischen priesterlichen Mitgliedern des Hohen Rates die Schuld an seinem Tod zu, zitiert das verhängnisvolle Bibelwort «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!» auf Aramäisch - und lässt es in den Untertiteln un-übersetzt. Pilatus zeigt er als einen philosophisch meditierenden Zweifler (Was ist Wahrheit?), seine Frau stilisiert er zur Sympathisantin der Jesus-Bewegung. Die Bibelwissenschaften haben aber gezeigt, dass die römische Besatzungsmacht Jesus sehr wohl als politisch-religiösen Unruheherd betrachtet hat, der zur Abwehr von Aufstandsbewegungen präventiv zum Schweigen gebracht wurde. Die Verantwortung für seinen Tod liegt historisch mit grosser Wahrscheinlichkeit bei ihr. Dass die Evangelien - und mit ihnen Gibson - ein anderes Bild zeichnen, liegt an der Zeit ihrer Entstehung: Sie wurden nach dem Sieg der Römer im römisch-jüdischen Krieg im Jahre 70 verfasst. Daher ist ihre Tendenz, die Römer für sich zu gewinnen und keinen Anlass zur Verärgerung zu bieten, verständlich, aber historisch falsch. Zu dieser Erkenntnis kommt allerdings nur, wer die Ergebnisse der Forschung respektiert. Genau das will und tut Gibson nicht: Als Mitglied der ultrakonservativen «Catholic Church» ist er ein Gegner des Zweiten Vatikanischen Konzils. Dieses Konzil hat der katholischen Kirche die Türe zur kritischen Bibelwissenschaft geöffnet und das Bibelverständnis verändert. Warum aber entscheidet sich Gibson in seiner Interpretation zu einer Blutorgie, welche Jesus-Darsteller Jim Caviezel geradezu die Hauptrolle stiehlt? Im Vorspann zitiert er Jesaja 53,5: «Er wurde durchbohrt wegen unseren Sünden, durch seine Wunden sind wir geheilt.» Das ist der Schlüssel zu Gibsons Interpretation der Tat Christi: Sein Tod wird begriffen als stellvertretende Opfertat für die Sünden der Menschheit - «mein Film wird die Tiefe des Opfers Jesu darstellen» -, was Anselm von Canterbury in der Theologie des Mittelalters zur so genannten Satisfaktionslehre ausbaute. Die Sünde der Menschen sei, so Anselm, ein Angriff auf die Majestät Gottes, die einer Wiedergutmachung bedürfe. Als Menschen seien wir dazu nicht imstande, sondern dazu bedürfe es des schuldlosen Christus. Darum habe Gott Jesus Mensch werden lassen, um dieses schuldlose Leben als Genugtuung und Opfer anzunehmen. Der Tod Jesu sei so das stellvertretende Erleiden der Strafe, welche eigentlich die Menschen treffen müsste. Daher findet dann in Gibsons Film sehr viel Bestrafung mit sehr viel austretendem Blut statt. So viel, dass das Passionslied «O Haupt voll Blut und Wunden» wie ein tröstlicher Gute-Nacht-Gesang anmutet. Gibson scheint der Logik zu folgen: Je mehr Strafe und je mehr Blut, desto geheilter sind wir. Diese Interpretation des Todes Jesu ist eine unter anderen und hat - nebst der aufwendigen Inszenierung - ihre theologischen Schwierigkeiten: Wie ist die Liebe Gottes zu verstehen, wenn sie den eigenen Sohn als Opfer braucht? Und: Worin liegt die Bedeutung eines solchen Opfers für Menschen von heute, von Regisseur Gibson einmal abgesehen?

Kein Platz für Visionär Jesus

Aufgrund der Fixierung auf die Strafe wird der Film mit seiner zelebrierten Brutalität zu einem eintönigen Doku-Drama. Es ist kein Raum da für Jesus als den sozialen Mahner, als Visionär des Zusammenlebens, als Weisheitslehrer. Am schwächsten aber wirkt die Auferstehung, die Kernszene der Evangelien: Wie ein Leichensack der US-Army, dem die Luft entweicht, fällt das Grabtuch in sich zusammen, der wiederhergestellte Körper - einzige Veränderung: Blut weg, Wundmale dran - schreitet zum Grab hinaus. Damit wird etwas suggeriert, was die Evangelien gerade nicht tun: Jesus lebt nicht als Unsterblicher weiter, sondern geht in ein neues Leben hinein, das nur als Geheimnis gefasst werden kann. Als Beitrag über das Leben und Sterben Jesu ist Gibsons Film entbehrlich und verwirrend. Teilt man nicht grundsätzlich seine Haltung bezüglich Bibelverständnis und Heilstat Christi, wird er schnell langweilig. Darüber hinaus ist ärgerlich, dass dem Film alles fehlt, was die Passion des Jesus von Nazareth seit 2000 Jahren bedeutungsvoll macht: dass nämlich die Botschaft seiner Leidensgeschichte eine Botschaft der Hoffnung, der Liebe und des Verzeihens ist. Das ist dem Kinopublikum spätestens nach einer Viertelstunde gründlich ausgetrieben.

Daniel Klingenberg ist evangelischer Pfarrer in St. Gallen.

«Voyeuristisch und entbehrlich»

Die christlich-jüdische Arbeitsgemeinschaft Schweiz (CJA) kritisiert, «The Passion» leiste Judenfeindschaft und Gewaltvoyeurismus Vorschub. Die «obszöne Darstellung von Grausamkeit» stehe zudem im Widerspruch zur Zurückhaltung der Evangelien.

Evangelische Kirche und Bischofskonferenz der Schweiz bezeichnen «The Passion of the Christ» in einer gemeinsamen Stellungnahme von gestern als «entbehrlichen Film, der nicht zu hoch gewertet werden sollte». Historisch sei das Werk unzuverlässig. Eine pauschale Abwertung sei jedoch nicht angezeigt. Der Film dürfte bald in Vergessenheit geraten, schreiben die Kirchen. «Eine positive Wirkung kann sein, dass der Film die Menschen animiert, sich wieder einmal mit den Urtexten auseinander zu setzen.» Auch wenn der Film bezüglich Gewalt an die Grenzen des Erträglichen gehe, empfiehlt die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), «vor dem Kern der Aussagen die Augen nicht zu verschliessen» und die Gelegenheit zu nutzen, sich mit den Passionstexten in der Bibel auseinander zu setzen. «Die SEA findet Mel Gibsons Jesus-Film weder Gewalt verherrlichend noch antisemitisch», heisst es in der Stellungnahme der Allianz von Christen aus Landes- und Freikirchen. (red.)

St. Galler Tagblatt, St. Gallen, 20. März 2004

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So viel Blut hat kein Mensch - von Gerhard Bodendorfer uparrowprint druckenemail versenden

Zürich, 23.03.2004 / Neue Zürcher Zeitung

Die Passion Christi 1

Die Passion Christi 1

In den USA hat Mel Gibsons "The Passion of the Christ" innert Kürze 264 Millionen Dollar eingespielt. Nach längerem Hin und Her gelangt der Film, der die zwölf letzten Stunden im Leben Jesu darstellt, am kommenden Donnerstag in die Deutschschweizer Kinos. Am selben Tag läuft er auch in Deutschland an. - Einige kritische Beobachtungen aus bibelwissenschaftlicher Sicht.

Der Film gibt vor, authentische Sachverhalte zu vermitteln, und versucht, durch Detailtreue den Eindruck von historischer Richtigkeit zu erzeugen. Dies ist mehrfach verhängnisvoll. Denn die Evangelien sind nicht in historischer Absicht geschrieben worden, sondern als Zeugnis des Glaubens dargestellt. Sie sind Tendenzschriften, keine Quellen historischer Fakten. Keine dokumentarisierende Wiedergabe kann deshalb diesem Anliegen gerecht werden. Zudem ergänzt Gibson seinen Stoff auch noch mit ausserbiblischen Inhalten und nimmt sich sehr viel persönliche Interpretationsfreiheit heraus.

Historische Ungereimtheiten
Der Film lässt die Römer Latein reden, die Juden, zu Recht, Aramäisch. Historisch richtiger wäre wohl das Griechische als damalige Umgangs- und Verkehrssprache zwischen den beiden Gruppen gewesen. Pilatus wird - gegen bessere historische Einsicht - den Evangelien getreu als unschuldig Getriebener dargestellt, der über die Wahrheit philosophiert. Dieses Bild ist für die Evangelien mit ihrer Tendenz, die römische Macht für sich zu gewinnen, nachvollziehbar, nicht aber in einer historisierenden Verfilmung. Die Ent-Schuldigung des Pilatus lässt die römische Oberhoheit als Werkzeug von jüdischen Gruppierungen erscheinen, was sicher falsch und gerade im Blick auf die lange Leidensgeschichte des Judentums - begleitet von dem Vorwurf des Gottesmordes - mehr als bedenklich ist.

Pilatus' Frau Claudia wird zu einer Sympathisantin des Christentums hochstilisiert und verkörpert damit wohl das Heidenchristentum. Beide aber, Pilatus wie Claudia, erzeugen den historisch zweifelhaften Eindruck einer überaus zivilisierten römischen Verwaltung in Palästina. Gibson bemüht sich zwar, das Bild durch die römischen Soldaten zu korrigieren, die als dümmliche Gewaltmenschen agieren; aber je höher die Ränge, umso edler die Römer. Die - negative - Darstellung des Judas erhält keinerlei eigenständiges Profil; sichtbar wird nur eine von Dämonen gehetzte Gestalt. Damit bedient Gibson das alte Vorurteil des todeswürdigen «jüdischen Verräters», während in den letzten Jahrzehnten die Judasfigur differenzierter als politisch denkender kritischer Geist dargestellt und «rehabilitiert» worden ist.

Die Schuldfrage
Sehr problematisch ist die Darstellung der jüdischen priesterlichen Mitglieder des Hohen Rates. Gibson teilt ihnen die Schuld am Tod Jesu zu, ohne dass man verstehen würde, warum sie ihn so hassen. Die Vorwürfe, die gegen Jesus erhoben werden, wirken wie erzwungene Versuche, einen gehassten Gegner loszuwerden. Aber woher dieser Hass? Der Film bemüht sich, nicht den Eindruck zu erwecken, dass «die Juden» Schuld am Tod Jesu tragen. Er differenziert. Schuld sollen eindeutig die Priester sein. Das hat historisch nachvollziehbare Hintergründe im Konflikt zwischen Jesus und der sadduzäischen Oberschicht. Dennoch überspannt Gibson den Bogen.

Zur Verurteilung Jesu, das zeigen historische Untersuchungen, hat der Impuls zur Abwehr von Aufstandsbewegungen und Unruheherden wesentlich beigetragen. Dabei trägt die römische Besatzungsmacht die Verantwortung für den Tod Jesu. Priesterliche Kreise, die sich von der tempelkritischen Haltung Jesu angegriffen fühlten, mögen dabei unterstützend gewirkt haben, ausschlaggebend waren sie wohl kaum. Gibson erzeugt das gegenteilige Bild, er zitiert das verhängnisvolle Bibelwort «Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!» auf Aramäisch, das aber in den Untertiteln nicht übersetzt wird. Dieses Wort hat unsägliches Leid über viele Generationen von jüdischen Menschen gebracht, die von Christen verspottet, verfolgt, vertrieben, getötet wurden. Wer angesichts dessen die Befürchtung zum Ausdruck bringt, der Film verstärke antisemitische Vorurteile, ist nicht leicht zu entkräften. Wer so interpretieren will, findet Stoff.


Brutalität im Übermass
Eine alternative Lesart ist zumindest möglich: Wem die fast statisch agierenden Priester als Vertreter einer verknöcherten institutionalisierten Frömmigkeit erscheinen, die ganz und gar nicht auf das Judentum beschränkt bleibt, der kann darin auch eine massive Kritik an jeder religiösen Institution sehen, die den lebendigen Glauben durch Verwaltung von «Glaubenswahrheiten» ersetzt.

Die Absicht des Films ist, eine vorhandene Leidensmystik zu vertiefen; katholisch gesprochen: das Bewusstsein zu stärken, dass Jesus, der Christus, «sein Leben für uns hingab». Gibson wird dieses Ziel am ehesten bei jenem Publikum erreichen, das in einer tiefen Spiritualität durch die Leidensmystik, die Versenkung in das Martyrium des Erlösers, innere Stärke und Kraft gewinnt. Dieser Zugang zur christlichen Religion hat jahrhundertealte Tradition und ist besonders in der mittelalterlichen Frömmigkeit verbreitet.

Der Film zeigt Brutalität im Übermass. So viel Blut hat kein Mensch. Für den Gläubigen ist das nur ein Symbol der Leidenskraft Jesu, die Stärke im Glauben gibt. Für einen Aussenstehenden aber ist es eine unverstehbare Aneinanderreihung von Gewalt. Der Film konzentriert sich auf Leid und Tod Jesu. Er lässt keinen Raum, Jesus als den grossen Lehrer, den Tora-Interpreten, den politischen Visionär, den sozialen Mahner zu begreifen. Diese Glaubensvertiefung in das Leid ist zu respektieren. Aber sie erzeugt auch Unwohlsein und hinterlässt den bitteren Geschmack, den die Darstellung des Leidens immer hinterlässt, wenn sie von dessen Verherrlichung nicht mehr zu unterscheiden ist.

Ein Aspekt des Films ist hingegen durchaus bemerkenswert. Es handelt sich um die lange Szene, in der Simon von Kyrene Jesus das Kreuz tragen hilft. Dieser Simon ist dem Evangelium nur einen Satz wert (Mt 27, 32). Bei Gibson wird er, wie auch die übrigens unbiblische Veronika, ganz als ursprünglich unbeteiligter Jude dargestellt. Er trägt eine Kippa und wird vom römischen Soldaten als Jude beschimpft und gezwungen, das Kreuz zu tragen. So gehen Simon und Jesus mit oft ineinander verschlungenen Armen gemeinsam an die Stätte des Todes. In dieser Szene geht es vielleicht nicht um die symbolhafte Darstellung jüdischen Leidens, aber sicher um die Solidarität im Leiden, die sich äussert, wenn eine stärkere Macht mit Gewalt regiert. Judentum und Christentum, beide Opfer solcher Gewalt, könnten im Tragen der Last des Schicksals verbunden sein. Die Geschichte nahm einen anderen Lauf. Christen haben die Herrschaft «Roms» an den Juden ausgeübt, haben die Rollen getauscht. Der Film könnte, so gesehen, bei den Christen anmahnen, nicht triumphal über den anderen zu herrschen, sondern in der Erinnerung an das Leid Jesu die Solidarität mit den Leidenden in den Mittelpunkt zu rücken. Eine Solidarität, die man am Juden Simon lernt, der Jesus stützt, sich gegen die Besatzer wendet und die Soldaten beschimpft. - Das wäre ein ganz und gar nicht antisemitischer Zug des Films.

Fazit: Der Film ist entbehrlich, historisch sicher unzuverlässig, auf weite Strecken problematisch. Ich würde ihn jedoch weder pauschal als antisemitisch abwerten noch verteufeln. (Ab Donnerstag in Zürich in den Kinos Cinemax, Corso.)

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Gerhard Bodendorfer Der Autor ist Theologe und Judaist, Professor am Fachbereich Bibelwissenschaft und Kirchengeschichte der Universität Salzburg.

Neue Zürcher Zeitung, Zürich, 17. März 2004

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The Passion of the Christ oder: ...so erlöse uns endlich! uparrowprint druckenemail versenden

Eine kleine Bibelkunde: Die letzten zwölf Stunden im Leben des Jesus von Nazareth

Nach dem letzten Abendmahl begibt sich Jesus (James Caviezel) in den Garten Gethsemane, um zu beten. Satan hat ihm zuvor in Visionen offenbart, was ihm in den folgenden Stunden widerfahren wird. Und wirklich, verraten von seinem Jünger Judas (Luca Lionello) wird er kurze Zeit später festgenommen. Ihm wird Gotteslästerung vorgeworfen, die Pharisäer verlangen darum seinen Tod.

Der römische Statthalter in Palästina, Pontius Pilatus (Hristo Shopov), kann jedoch keine Schuld Jesus ausmachen. Doch er erkennt die Lage, um Unruhen zu verhindern übergibt er die Angelegenheit an König Herodes. Doch auch dieser fühlt sich nicht zuständig und lässt Jesus kurzerhand zu Pilatus zurückbringen.

Um das von den Anführern der Pharisäer aufgewiegelte Volk zu besänftigen, überlässt Pontius Pilatus dem Volk die Wahl zwischen Jesus und dem Verbrecher Barrbaras. Die aufgebrachte Menge begnadigt Barbaras und fordert die Kreuzigung Jesus. Pilatus hofft, durch brutale Folter des Angeklagten die Meute zu besänftigen. Doch auch als er den schwer verwundeten Jesus ein weiteres mal vorführen lässt, bleiben die Pharisäer bei ihren Forderungen. Den Römern bleibt nichts anders übrig als nachzugeben und Jesus den Tod am Kreuz sterben zu lassen.

Das Ende ist besiegelt. Jesus muss unter den verzweifelten Augen seiner Mutter (Maia Morgenstern), Magdalena (Monica Bellucci) und seiner Anhänger sein schweres Kreuz selber durch die Strassen von Jerusalem bis nach Golgatha tragen, wo er schliesslich ans Kreuz geschlagen wird...

Ostern, die Zeit der monumentalen Bibelfilme. Anders als in früheren Jahren muss man diesmal aber seine Feiertage nicht unbedingt mit Ben Hur vor dem Fernseher verbringen. Mit Luther und The Passion of the Christ hat man gleich zwei Kinofilme zur Auswahl...

Wer bei Mel Gibsons Werk Passion of the Christ eine harmlose Bibelverfilmung des Leben Jesu erwartet, der wird bereits in den ersten Filmminuten sein heiliges Wunder erleben. Müsste ich die Filmhandlung mit wenigen Adjektiven umschreiben, so kämen mir spontan nur drei in den Sinn: blutig, blutig, blutig. Der Film zeigt nur einen kleinen (wenngleich wohl für das Christentum einer der wichtigsten) Abschnitte des (Leidens)-Wegs Jesu. Gleich zu Beginn verrät Judas Jesus, welcher von Pharisäern nicht ohne Gewalt und Blutvergiessen schliesslich gefangen genommen wird. Der Anfang vom blutigen Ende.

Die Passion Christi 5

Die Passion Christi 5

Was am Ende steht, sollte eigentlich nicht nur jeder Christ wissen: Jesus stirbt am Kreuz. Dazwischen liegen rund 100 äusserst brutale, blutige Minuten Leiden. Nicht nur Christus leidet, auch der Kinozuschauer hat irgendwann genug gesehen. Ist es beispielsweise wirklich von Nöten, mehr als fünfzehn Minuten lang die Auspeitschung zu verfilmen? Vielleicht. Denn das ist doch genau das, worauf viele gewartet haben. Ihre Vorstellungen der Bibel-Szenen bis ins kleinste Detail endlich auch visuell aufgetischt zu erhalten. So muss auch ich zugeben: ich hätte mir Jesus in etwa so vorgestellt, ebenso seine Leiden, die Mit-Menschen...

Trotzdem kann ich nur wenig mit dem Film anfangen, aus verschiedenen Gründen. Einerseits bin ich nicht wirklich gläubig, auch wenn ich auf dem Papier ebenfalls zum Christentum gehöre. Dass Jesus dem einen Soldaten im Film sein abgefallenes Ohr wieder ... ähm... ranmacht, wirkt auf mich eher belustigend als wunderhaft. Andererseits wirft der Film ein äusserst schlechtes Bild auf die damalige jüdische Gemeinschaft. Auch wenn der Film keine rassistischen Tendenzen aufweist, viele streng gläubige Personen können nicht genügend abstrahieren. Ich hoffe, dass Passion of the Christ den Antisemitismus nicht (natürlich ungewollt) weiter schürt, doch irgendwie hab ich ein ungutes Gefühl.

Doch ich wag sogar zu behaupten: Der Film ist schlecht. Blasphemie? Nein. Die Schauspieler, allen voran James Caviezel als Jesus, stimmen zwar optisch, aber ihre Leistungen sind schwach bis nicht vorhanden. Da werden viele künstliche Tränen vergiesst und die Maskenbildner sind in Hochform, aber sonst... Doch auch der Regisseur hat nicht wirklich ein Meisterwerk abgedreht. Da das Thema kaum variierbar ist, könnte eigentlich jeder diesen Film gedreht haben. Gut, Herr Gibson, sie haben immerhin noch ein paar wenige - immer wieder beliebte - Flashbacks verwendet. Auch waren sie sich nicht zu schade, genügend künstliches Blut zu verwenden. Doch verfilmt man das Leben einer der grössten religiösen Personen wirklich am besten, in dem man möglichst viel Gewalt zeigt?
Eine gewisse Originalität muss man dem Film dann aber doch zustehen. Denn gesprochen wird für einmal nicht Englisch, sondern durchgehend Aramäisch und Lateinisch.

Es mag hart und für viele falsch tönen: ich war froh als Jesus endlich am Kreuz hing. Denn endlich, endlich wurde er UND ich erlöst - er vom Leiden, ich vom Film.

©2000-04 OutNow.CH - http://www.outnow.ch/Movies/2004/PassionOfTheChrist/

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Im realen Meer menschlicher Blutrünstigkeit - von Josef Bossart uparrowprint druckenemail versenden

Bern, 23.03.2004 / KIPA

Die Passion Christi 2

Die Passion Christi 2

Dieser Menschensohn wird bis aufs Blut geschunden, geschlagen und gemartert: Mel Gibsons Film "The Passion of the Christ" schreckt in der Darstellung drastischer Gewalt vor kaum etwas zurück, um die letzten zwölf Stunden der Passion Christi zu zeigen. Seit Donnerstag ist das sehr kontrovers diskutierte Werk auch in den Deutschschweizer Städten zu sehen.
Mel Gibsons umstrittener Jesus-Film ist jetzt auch in der Schweiz zu sehen
Hastig ist nach längerem Hin und Her der umstrittene Film am Donnerstag auf den Deutschschweizer Kinomarkt geworfen worden. Auf die sonst den Medien und den Kinobetreibern angebotene Vorvisionierung verzichtete die Verleihfirma Ascot-Elite (Zürich). Denn die Zeit drängte: "Um keine Besucherströme ans Ausland zu verlieren", hiess es bei Ascot-Elite freimütig, habe man das Startdatum demjenigen in den Nachbarländern Deutschland und Österreich anpassen müssen - wo der Film ebenfalls am Donnerstag angelaufen ist.
In den USA ein Kassenschlager
Mel Gibsons "The Passion of the Christ" eilt seit dem Kinostart am 25. Februar in den USA der Ruf voraus, ein Kassenschlager zu sein, wie es ihn noch kaum je gegeben hat. Dort spielte der Film in den ersten drei Wochen umgerechnet 310 Millionen Franken ein. Das ist bereits ein Mehrfaches der Produktionskosten von umgerechnet knapp 32 Millionen Franken, für die Gibson selber aufgekommen ist. Denn keine US-Produktionsfirma wollte sich nach Einsicht in das Drehbuch die Finger an einem Werk verbrennen, das die Römer Latein und die Juden Aramäisch reden lässt - und im Ruch steht, "christlichen Fundamentalismus" zu verbreiten.

Ob der kontrovers aufgenommene Film, der bereits für erhebliches publizistisches Getöse gesorgt hat, auch die Schweizer Kinokassen füllen wird, lässt sich derzeit noch kaum vorhersagen. Am Donnerstag hielt sich jedenfalls der Zustrom der ersten Besucher in Zürich und Bern in Grenzen.
Kontroverse rund um drei Fragen
Doch das kann sich noch ändern. Dafür sorgt eine PR-Maschinerie von Gibsons Produktionsfirma Icon, die bereits einigen Debatten den Weg geebnet hat. Rund um "The Passion of the Christ" hat sich auch hierzulande eine Kontroverse in den Medien entfaltet, die im Wesentlichen um drei Fragen kreist. Die erste: Trägt der Film antisemitische Züge? Die zweite: Hat Gibson einen theologisch und bibelwissenschaftlich korrekten Film gemacht? Die dritte: Darf man dem Kinozuschauer so viel Blut zeigen?
Die erste Frage ist in meinen Augen rasch beantwortet: Gibsons Film suggeriert nichts von einer Kollektivschuld des jüdischen Volkes am Leiden Christi. Wer behauptet, dass er die Gefahr in sich berge, antisemitische Vorurteile wiederaufleben zu lassen, übersieht geflissentlich, dass eine der anrührendsten Figuren von "The Passion of the Christ" der anfänglich unbeteiligte Jude Simon von Kyrene ist, der von den römischen Soldaten als Jude beschimpft und gezwungen wird, mit dem Juden Jesus das Kreuz zu tragen - mit manchmal ineinander verschlungenen Armen bis hinauf an die Stätte des Todes.

Ein Glaubensbekenntnis
Hat Gibson einen theologisch "korrekten" Film gemacht? Sicher ist: Er macht aus seinen Glaubensüberzeugungen keinen Hehl. Spätestens seit den Dreharbeiten für "Die Passion Christi" wissen wir, dass er in den USA einer katholischen Gruppierung traditionalistischer Ausrichtung angehört, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil nichts Gutes abgewinnen kann.

Gibsons Film ist zuallererst ein - persönliches und gewiss partielles - Glaubensbekenntnis: Der Menschensohn hat sich im Vertrauen auf Gott zum Opfer für die Menschheit dargebracht - als Mensch aus Fleisch und Blut. Doch dieses Bekenntnis zu einer Glaubensvertiefung in das Leid führt paradoxerweise geradewegs ins Missverständnis. "The Passion of the Christ" gibt zwar nirgends vor, historische Sachverhalte gemäss aktuellsten bibelwissenschaftlichen Thesen zu vermitteln. Doch von vielen Zuschauern wird der Film gerade danach gemessen. Das aber kann nur schlecht ausgehen.

Gibsons Glaubensbekenntnis hat nichts Sektiererisches, sondern beinhaltet eine Kernbotschaft des Christentums: Gott hat für die Menschen seinen Sohn hingegeben. Kann man sich als Zuschauer darauf einlassen, so muss man gewiss auch dies zugestehen: Die letzten zwölf Stunden des Menschensohnes waren ein blutiger Leidensweg, und diese Tortur kann mit den drastischen Mitteln des heutigen (Hollywood-)Kinos dargestellt werden.

Wozu derart blutig?
Aber wozu derart blutig, wozu die schier unerträgliche Abfolge von Folterungen dieses geschundenen, gemarterten und erniedrigten Körpers? Eine der grossen Fragwürdigkeiten des Films liegt wohl hier: Gewinnt er an Intensität und Aussagekraft durch die drastisch und exzessiv dargestellte Gewalt, welche römische Soldaten an Jesus Christus ausüben? Oder ist nicht eher das Gegenteil der Fall: Wenn nämlich beim Zuschauer das würgende Gefühl aufsteigt, da werde eine Verherrlichung des Leidens (unseligen Andenkens) betrieben?
Der realen Brutalität ins Auge schauen
Hinschauen, wo Gewalt ausgeübt wird und damit dem Leiden Sichtbarkeit verleihen – man kann mit dem österreichischen Pastoraltheologen Paul Zulehner der Ansicht sein, dass bei der Kontroverse um Gibsons Film gerade dies ausgeklammert wird. Zulehner: "Könnte es also sein, dass sich die oberflächliche Diskussion des Filmes nur allzu gern auf Themen stürzt, die bequemer sind, als dieses unausdenkliche und doch reale Meer von Brutalität und Blutrünstigkeit nicht nur für möglich zu halten, sondern ihm 'ins Auge schauen' zu müssen?"
Grundthema des Filmes wäre dann tatsächlich dies: Die Menschen sind in einem unvorstellbaren Ausmass zu Gewalt fähig. Das war damals, vor 2004 Jahren in Jerusalem, nicht anders als heute in Kosovo, Bagdad oder Madrid.

Josef Bossart ist Redaktor der Katholischen Internationalen Presseagentur "kkipa" in CH-1705 Freiburg/Schweiz

(C) Katholische Internationale Presseagentur, Freiburg, 19.03.2004

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Gibsons unbequeme Klarheit: Hier die "Passion Christi" – dort der Glaube an den Kuschelgott - von Uwe Siemon-Netto uparrowprint druckenemail versenden

Washington DC/USA, 23.03.2004 / idea

Die Passion Christi 7

Die Passion Christi 7

Zwei Milliarden Menschen glauben, dass Jesus für ihre Sünden gekreuzigt worden ist. Nichts anderes hat Mel Gibson in seinem Film „Die Passion Christi“ dargestellt – mit einer brutalen Deutlichkeit, die in unserer Ära des Plapperns und Mümmelns manchen tüchtig nervös macht. Im deutschsprachigen Raum weiss man nicht, worüber man sich im Zusammenhang mit diesem Streifen mehr empören soll – über die gehässigen Unterstellungen von Nichtchristen, die unsere Medien dominieren, oder die Spitzfindigkeiten, mit denen Kirchenleute an Gibsons Werk herumkritteln? Gibson verbreite „Antisemitismus unter dem Deckmantel eines Films“, behauptete zum Beispiel der Ex-Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedman, in der Bild-Zeitung. Das ist unwahr. Gibson hat von der ersten Szene an deutlich gemacht, wer an Christi Leid schuld ist – nicht „die Juden“, sondern „unsere Missetat … unsere Sünde” (Jesaja 53,6). So unmissverständlich steht’s in der ersten Szene auf der Leinwand; aber bei den katechetischen Analphabeten unserer gackernden Talkshow-Elite fällt der Groschen immer noch nicht. In schauerlicher Weise zeigt sich hier wieder, dass der Glaube, der seit fast 2.000 Jahren überragende Gestalten wie St. Augustin, Thomas von Aquin, Luther, Calvin, Wesley, Michelangelo, Dürer und Bach angetrieben hat, in unseren Landen verächtlich gemacht werden darf wie keine andere Religion oder Weltanschauung. Noch schlimmer ist, dass sich Berufschristen an diesem Geschäft beteiligen.

Ein ekelhafter Kommentar
Zwei Wiener Theologen, der Oberkirchenrat Michael Bünker und der reformierte Landessuperintendent Peter Karner, begaben sich sogar in die Untiefen des Schmuddelsexes, um Gibson zu verunglimpfen: Sein Film verherrliche Gewalt „auf sadomasochistische Weise”, lautete ihr ekelhafter Kommentar. Selbst der oberste Katholik in Deutschland, Karl Kardinal Lehmann, Gibsons Glaubensbruder, konnte sich’s nicht verkneifen, auf die Gefahr „antisemitischer Unterstützung“ in der „Passion Christi“ hinzuweisen – einer dezidiert nicht vorhandenen Gefahr, wie prominente US-Rabbiner betont haben.

Da kann man als Protestant fast stolz sein, dass wenigstens einer von uns, der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende Christoph Kähler (Eisenach), Gibsons Werk als „stark“ erkannt hat; man fühlt sich hier an das Märchen von des Kaisers neuen Kleidern erinnert. Die EKD hingegen eierte herum: Man solle den Film „weder empfehlen noch skandalisieren”. Hatte da nicht einer einmal gesagt: „Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein”? Gewiss, man kann sich ehrlich darüber streiten, ob Gibson zu realistisch war. Zwar sehen wir im Fernsehen, welchen Horror das manifest Böse am 11. September 2001 in New York oder am 11. März 2004 in Madrid angerichtet hat. Aber das blutige Leiden des fleischgewordenen Gottes – nein, das darf man doch soooo nicht auf die Leinwand projizieren! Nur noch Blinden und Tauben kann heute entgehen, wie recht der Theologe Helmut Thielicke hatte, als er im Zweiten Weltkrieg schrieb, dass „ein Schuldverhängnis über der Welt brütet, ihren Kontinenten und Meeren“. Hier hilft kein postmoderner Kuschelgott, sondern nur der Glaube an das Leiden und die Auferstehung Christi. Daran hat uns Gibson dankenswerterweise erinnert.

Der Autor Dr. Uwe Siemon-Netto (Washington), ist lutherischer Theologe und Journalist; er ist Ressortleiter für Religion beim Nachrichtendienst UPI in Washington und schreibt auch für den Evangelischen Nachrichtendienst idea Deutschland.

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Jesu Leiden im Kino - von Rolf Höneisen uparrowprint druckenemail versenden

Biblische Stoffe gelten als unpopulär. Das hinderte den Hollywood-Schauspieler Mel Gibson nicht, mit eigenem Geld einen Film über den Leidensweg von Jesus Christus zu produzieren: "The Passion of the Christ".

Der Film „The Passion of the Christ“ zeigt Jesus von Gethsemane bis Golgatha – und wie! Jesus wird dem Kinobesucher grossformatig und so blutig vor Augen geführt, wie es wohl nicht einmal die damaligen Zeugen der brutalen Hinrichtung mitbekommen haben. Kein Wunder polarisiert der Film. Den einen enthält er zu viel Gewalt. Andere halten ihn für antisemitisch. Wieder andere reden von einem Werbefeldzug für den Katholizismus. Eine Zeitlang schien es gar, das Projekt verschwinde unveröffentlicht im Archiv. Jetzt ist der Film in den USA angelaufen und die Zuschauer strömen ins Kino.

Es gibt Kritiker aus dem christlichen Bereich, welche die Falschdarstellungen im Film anprangern: Szenen und Einschübe, die nicht in den Evangelien stehen. Sie vermuten dahinter gezielte Werbung für katholische Legenden und eine falsche Abendmahlslehre. Es könne auf keinen Fall sein, dass ein Kinofilm Menschen wirklich zum Glauben treibe. Dies vermöge alleine das Wort Gottes in der Bibel. Sie haben Recht. Doch diese Tatsache wird nur wenige vom Kinobesuch abhalten. Millionen werden die „Passion Christi“ sehen. Aus dieser Sicht kann es nicht nur darum gehen, die Splitter zu suchen, sondern auch darum, die Wahrheit zu bezeugen.

Der Reuters-Journalist und Theologe Uwe-Simon Netto hat den Film gesehen. In „idea-Spektrum“ schreibt er: „Zwei Stunden nach der Kreuzigungsszene liegen meine Finger unkontrollierbar zitternd auf der Tastatur meines Computers. Meine Frau darf mich nicht ansprechen. Mein Puls ist augenscheinlich nach wie vor so hoch wie während der gesamten Vorpremiere von Mel Gibsons Film ‚Die Passion Christi’ (...) Wenn dieses Werk keine nachhaltigen Folgen für unsere heruntergekommene westliche Gesellschaft hat, dann wehe unser! (...) Ich hoffe, dass die Abermillionen, die mir ins Kino folgen werden, hernach wie ich noch stundenlang bebend dasitzen und begreifen, dass nach diesem Film nur noch beten hilft.“ Was, wenn es vielen wie ihm geht?

Die säkularen Massen, die den Film ablehnen, tun dies, weil sie die Tat Gottes als solche ablehnen und als unsägliche Torheit verurteilen (vgl. 1. Kor. 1,18). So zum Beispiel auch ein Teilnehmer im „Spiegel Online“-Forum: „Mag sein, dass die Kreuzigungen damals so brutal wie in diesem Film geschildert abgelaufen sind. Wahrscheinlich war es so. Aber dass eine Religion einen Foltertod in den Mittelpunkt ihrer Heilsbotschaft stellt, ein Folterinstrument zum milliardenfachen Symbol wurde, das ist das eigentlich bedenkliche. Diese ganze Geschichte von ‚Schuld auf sich genommen’ und ‚für unsere Sünden gestorben’ ist ein wesentlicher Kritikpunkt. Ein Gott, der fordert, dass ich im Zeitalter von Weltraumforschung und Biotechnologie an einen Haufen irrationaler Geistergeschichten glauben muss, um das Heil zu erlangen und dabei brutal und unnachsichtig agiert, wenn man nicht auf seinen Buchstaben hört, hat für mich keine Daseinsberechtigung.“ Das Opfer des Sohnes, Schuld und Sühne, das ist es letztlich der Skandal, der Anstoss erregt.

Nach unvorstellbar grausamer Folter und gemeinster Verhöhnung, stirbt Jesus am Kreuz. In Gibsons Film taucht an dieser Stelle Satans Antlitz auf, zu einer triumphalen Fratze verziert. Es soll Filmbesucher gegeben haben, die bei dieser Szene lachten, grölten und klatschten. Unglaublich! Denn dem Teufel ist das Lachen vergangen. Christus ist auferstanden vom Tode! Was nach Niederlage aussieht, ist der triumphale Sieg Gottes über Sünde, Hölle, Tod und Teufel: „Er hat die Liste der Anklagen gegen uns gelöscht; er hat die Anklageschrift genommen und vernichtet, indem er sie an das Kreuz Christi genagelt hat. Auf diese Weise hat Gott die Herrscher und Mächte dieser Welt entwaffnet. Er hat sie öffentlich blossgestellt, indem er sie durch Christus am Kreuz besiegt hat“ (Kolosser 2,14 und 15, NL). Welch eine Gnade!

(C) Factum Magazin - Fakten und Analysen zum Verständnis unserer Zeit, CH-9442 Berneck

Rolf Höneisen ist leitender Redaktor beim factum Magazin.

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Gewalt in Gibson-Film führt zu tieferen Fragen - von Professor Paul Zulehner uparrowprint druckenemail versenden

Wien, 23.03.2004 / Kathpress (KAP)

Wiener Pastoraltheologe sieht durch den Film grundlegende Fragen über die Verstrickung es Menschen in Gewalt und mögliche Alternativen dazu thematisiert.

In Mel Gibsons Jesus-Film versuche ein Künstler, das Leiden, das sonst meist verdeckt wird, "exzessiv auszumalen": In einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" (SN) über den Film "Die Passion Christi", der am Donnerstag in Österreich anläuft, attestiert der Wiener Pastoraltheologe Prof. Paul Zulehner dem umstrittenen Streifen über die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu eine tiefere Ebene jenseits der "in unglaublicher Aufdringlichkeit gezeigten" Gewalt: Es werde in Szene gesetzt, wozu der Mensch fähig ist, es werde aber auch gezeigt, was an Gewalttaten unbeobachtet stattfindet. Die Gegenwartskultur drücke sich um die Wahrnehmung versteckten Leidens. Er habe seinen Studenten jedenfalls empfohlen, sich den Film, dem er "emotionellen Tiefgang" zugesteht, "mit Kopf und Verstand anzuschauen", so Zulehner.

Gibson mache deutlich, dass es sich um "Männergewalt" handelt, während die Frauen zu den Mitleidenden gehören, betont der Pastoraltheologe. Wo n den Szenen das Leid den Höhepunkt habe, blende Gibson die Bergpredigt und das Abendmahl als "Kontrastgeschichten" ein: "Dieser Mann aus Nazareth macht plötzlich eine andere Form von Menschlichkeit sichtbar, die nicht in diese fürchterliche Leidensproduktion abdriftet. Dann könnte es sein, dass aus der Passion eine Compassion wird, aus dem Leiden ein Mitleiden".

Zulehner zur Frage, ob der Gibson-Film die wichtigen Elemente der christlichen Botschaft gut wiedergibt: "Ja. Aber er hält sich nicht streng an den biblischen Stoff. Der Film hält einer Exegese nicht stand und will das wahrscheinlich gar nicht". Als rassistisch oder antisemitisch empfinde er den Streifen nicht, sagte der Wiener Theologe. Der Film zeige Gewalt mit dem Ziel, dass diese "im Leiden dieses Einen versandet".

Die Gewalt ist das eigentliche Thema
In einem Kommentar für "Kathpress" bezeichnete es Zulehner als "ungerecht, wenn man den Film Gibsons zu schnell auf den theologischen Prüfstand stellt". Es werde rasch klar, dass das Thema "nicht in erster Linie die Leidensgeschichte Jesu ist". Das Grundthema dieses filmischen Epos sei vielmehr "jenes unvorstellbare Ausmass von Gewalt, dessen Menschen fähig sind". Beim Ansehen des Gibson-Films seien ihm andere Beispiele menschenmöglicher Gewalt in den Sinn gekommen - die durch den belgischen Kinderschänder und -mörder Dutroux verursachten etwa oder die Bilder von den Madrider Attentaten.

"Könnte es also sein, dass sich die oberflächliche Diskussion des Filmes nur allzu gern auf Themen stürzt, die bequemer sind, als dieses unausdenkliche und doch reale Meer von Brutalität und Blutrünstigkeit nicht nur für möglich zu halten, sondern ihm 'ins Auge schauen' zu müssen?", so Zulehners Frage. Wenn das der Fall sei, dann würden sich die Fragen, ob der Film denn exegetisch sauber ist, der christlichen Verkündigung dient, oder gar, ob er antisemitisch ist, erübrigen.

Es gehe im Film "vielleicht gar nicht um die Frage, wer in der Geschichte brutale blutrünstige Gewalt verursacht hat und wer nicht". Vielmehr werde deutlich, dass es keine "Unbeteiligten" gibt, "nicht die religiösen Behörden, nicht die Henker der Besatzung, nicht die Politiker wie der liberale Pilatus, der aus opportunistischer Angst wegschaut und mit in Unschuld gewaschenen Händen mitschuldig wird - und vielleicht ich selbst nicht".

Würde der Film zu solchem Fragen führen, dann könnte er den "unglaublichen Leiden in der
Welt unserer Tage Sichtbarkeit verleihen. Das allein würde uns in die Lage versetzen, künftig solche Leiden mit Leidenschaft zu verhindern". Dann aber wäre die Regie-Arbeit Gibsons "theologischer als man auf den ersten Blick meinen könnte", so Prof. Zulehner.

© Katholische Presseagentur Kathpress (KAP), Wien 2004; KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 65

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München: Kardinal will sich "Passion Christi" nicht ansehen uparrowprint druckenemail versenden

München, 23.03.2004 / Kathpress (KAP)

Der Münchner Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, hat den Film "Die Passion Christi" von Mel Gibson kritisiert. "Ich habe bis jetzt nicht vor, den Film anzuschauen", sagte er in Freising. "Mein Glaube würde dadurch nicht gefördert, der hängt an völlig anderen Dingen", fügte der Kardinal hinzu. Eine Einladung ins Kino habe er ausgeschlagen, weil er sich nicht instrumentalisieren lassen wolle.

Wetter kritisierte besonders die Brutalität und den mangelnden theologischen Tiefgang des Streifens. "Die Erlösungstat Jesu Christi hängt nicht an einer messbaren Quantität des vergossenen Blutes und der Zahl der Schläge", erklärte der Kardinal. Im Grunde gehe es dabei um die unbesiegbare Liebe Gottes und die unbeirrte Treue Jesu zu seinem Auftrag. Skeptisch äusserte sich Wetter zu Gibsons Versuch, das historische Geschehen der letzten zwölf Stunden Jesu zu rekonstruieren. Die einzig in Frage kommenden Quellen, die Evangelien, seien keine Protokolle, sondern Glaubenszeugnisse. Diese bezeugten zwar historische Tatsachen, könnten aber nicht gleichsam wieder zurückübersetzt werden.

Antisemitismus-Vorwurf "wohl falsch"
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller hält "Die Passion Christi" nicht für antisemitisch. "Der Vorwurf ist nach allem, was ich gehört habe, wohl falsch", sagte Müller, der den Film noch nicht gesehen hat, in Regensburg der "Mittelbayerischen Zeitung". Der erstmals im 2. Jahrhundert erhobene Vorwurf, alle Juden, die nicht Christen geworden seien, hätten als "Gottesmörder" eine Art Kollektivschuld, sei unsinnig: "Nach Paulus sind alle Menschen irgendwie in die Ablehnung Gottes involviert gewesen und waren daher der Erlösung bedürftig".

Angesprochen auf die extremen Gewaltszenen meinte Müller: "Die Realität war auch bru al". Durch zeitgenössische Schriftsteller sei überliefert, dass es keine grausamere Hinrichtungsart
gab als die Kreuzigung. Nach den Worten des Bischofs geht es darum, dass Menschen sich mit dem leidenden Christus, mit leidenden Menschen überhaupt, identifizieren und dadurch ein tieferes Verhältnis zu ihnen gewinnen können. "Real begegnen wir dem leidenden Christus natürlich in den Sakramenten. Film oder Passionsspiele können da nur ein Hilfsmittel sein, um im Denken eine Beziehung zu Jesus aufzubauen", so Müller.

Keine Empfehlung ausgesprochen
Der Bischof riet in dem Gespräch nicht davon ab, sich den Film anzusehen: "Wer bereit ist, dadurch einen besseren Zugang zu diesem geschichtlichen Geschehen zu erlangen, soll sich das ansehen". Schwierig werde es jedoch, "wenn man die Brutalität um ihrer selbst willen betrachtet und es nicht schafft, mit dem Leidenden mitzufühlen".

© Katholische Presseagentur Kathpress (KAP), Wien 2004; KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 65

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"Ein Kunstwerk, kein Dokumentarfilm" - Ein Jesuit übersetzte die Dialoge in Gibsons Jesus-Film ins Aramäische uparrowprint druckenemail versenden

Los Angeles, Kalifornien, USA, 23.03.2004 / Kathpress (KAP)

Die Passion Christi 3

Die Passion Christi 3

Ein Jesuitenpater hat für Mel Gibsons Jesusfilm "The Passion of the Christ" die Dialoge ins Lateinische und Aramäische übersetzt. P. William Fulco, Archäologe und international renommierter Experte für alte semitische Sprachen, sieht in dem Film "ein Kunstwerk, keinen Dokumentarfilm", wie er der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA in Los Angeles sagte. Der international angesehene Professor für klassische Archäologie an der Loyola Marymount University stösst an Gibsons Perspektiven nicht. "Die Kirche ist ein grosser Baum, in dem viele farbige Vögel ihre Nester bauen", so Fulco wörtlich. Bei seiner Arbeit für die aramäischen Passagen hat Fulco teilweise eigene Hypothesen für die Aussprache der heute weitgehend ausgestorbenen Sprache Jesu zu Grunde gelegt. Letzte Sicherheit über die Grammatik und Aussprache des Aramäischen im 1. Jahrhundert gebe es nicht; auch die Aussprache in den heutigen aramäischen Sprachinseln in Syrien und Kurdistan gebe darüber keinen Aufschluss.

Der Jesuit war nach eigenen Worten an allen Stationen des Films beteiligt; er sah ihn über 40 Mal, da sich die Texte während der Dreharbeiten oft änderten. "Es gibt viele Dialoge, die nicht aus dem Neuen Testament sind", betonte der Wissenschaftler. Wenn man die Dialoge der ursprünglichen lateinischen Bibelübersetung nähme, "würde der Film keine zehn Minuten dauern".

Mel Gibson wollte P. Fulco zufolge nicht, dass die Menschen in seinem Film eine neuzeitliche Sprache wie Englisch oder Französisch sprechen, da so auch die jeweilige Kultur der Sprache
Einfluss auf den Film bekommen hätte. "Im Lateinischen ist diese Gefahr nicht da; mit der Sprache führen wir die Zuschauer in eine vergangene Kultur zurück", meint der Jesuit. Dass "The Passion of the Christ" eine Interpretation ist, stört Fulco nicht. "Glauben Sie, dass sich Gott und Adam so gegenüber standen, wie es Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle dargestellt hat?", fragt er. Der Film wolle die tiefere Bedeutung der Passion darstellen, nicht einfach nachzeichnen, wie sie geschichtlich stattgefunden habe. Die Bibel selbst sei schon ein künstlerisches Werk, das Fakten und deren Interpretation untrennbar verwebe.

Auch mit der teils sehr brutalen Darstellung der Leidensgeschichte Jesu hat der 68-jährige Jesuit keine Probleme. Die Passion sei der Teil im Leben Christi, der "am meisten vernachlässigt, beschönigt und verhübscht" worden sei. P. Fulco lehrt an der von Jesuiten geleiteten Universität Marymount Altertumswissenschaften und Archäologie. Der US-Gelehrte, der vorher lange Jahre in Berkeley und an der "University of Southern California" tätig war, gilt auch unter jüdischen Altertumsforschern als anerkannter Experte. Unter anderem hatte er von 1984 bis 1990 einen Lehrauftrag im gemeinsamen Programm für Jüdische Studien der "University of Judaism" und der "University of California" in Los Angeles inne.

© Katholische Presseagentur Kathpress (KAP), Wien 2004; KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 64

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Gibson-Film: Rückschlag für christlich-jüdischen Dialog? - von Professor John T. Pawlikowski uparrowprint druckenemail versenden

Wien, 23.03.2004 / Kathpress (KAP)

Als "sehr enttäuschend" hat Prof. John T. Pawlikowski, Professor für katholisch-jüdische Studien in Chicago und Präsident des Internationalen Rates der Christen und Juden (ICCJ), die mangelnde Sensibilität vieler Christen gegenüber den Antijudaismen in Mel Gibsons Jesus-Film bezeichnet. "Die Passion Christi" ordne die Verantwortung für den Tod Jesu der jüdischen Führung im Verein mit dem jüdischen Mob zu, Pilatus werde als ein von den Juden erpresster Schwächling dargestellt. "Die theologische Botschaft des Films ist das Jahrhunderte alte Stereotyp christlicher Theologie, nach dem das nachbiblische Judentum eine unauthentische Religion ist", kritisierte Pawlikowski in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung "Die Furche". Bis hin in die "furchtbare" Darstellung "jüdischer" Physiognomien habe der Gibson-Film eine bedauerliche Schlagseite: "Es gibt keine ausreichenden Argumente derer, die behaupten, der Film sei nicht antisemitisch oder antijüdisch". Für Pawlikowski macht der Film offenkundig, dass die kirchliche Wertschätzung des Judentums und die Absage an den Antijudaismus Früchte des Zweiten Vatikanischen Konzils sind, die in Vergessenheit gerieten: "Ich bin enttäuscht darüber, wie viele Geistliche, die mit ihren Gemeinden in den Film gehen, weder ein elementares Verständnis dessen, was die Kirche heute lehrt, noch ein historisches Wissen über christlichen Antisemitismus haben". Nach Ansicht des Präsidenten des Internationalen Rates der Christen und Juden habe "Die Passion Christi" das Potenzial, das christlich-jüdische Gespräch zu "unterminieren". Weniger auf Grund des Filmes selbst, sondern durch das "beinah weltweite Schweigen der Kirchenleitung" zu seiner Tendenz. Dies würde viele jüdische Führungspersönlichkeiten viel mehr enttäuschen, so Pawlikowski. Sein Fazit: "Wir müssen feststellen, wie wenig die Dokumente des Konzils und die späteren Aussagen über die christlich-jüdischen Beziehungen - sowohl auf katholischer als auch auf protestantischer Seite - wirklichen Einfluss auf die Gläubigen haben".

Der US-Theologe vertrat die Ansicht, dass die Katholiken, die Gibson von Anfang an unterstützt haben, zugleich auch Kritiker des Konzils seien. Somit sei das Echo auf den Film "auch Teil der innerkatholischen Auseinandersetzung über das Zweite Vaticanum und die Richtung des nächsten Pontifikats". Kritik übte Pawlikowski auch daran, dass die Kirchenleitung hinnimmt, dass Gibson die moderne Bibelwissenschaft "vollkommen desavouiert": "Auch dazu sagt niemand etwas, obwohl die katholische Kirche die moderne Bibelwissenschaft unterstützt". Jeder Bibelwissenschafter, den er kenne, lehne die Darstellung dieses Films ab. Pawlikowski lehnt auch die ausufernde Gewalt bei Gibsons Jesu-Film ab: "45 Minuten pure Gewalt! So hat das klassische Christentum das Bild Jesu bei der Kreuzigung nicht gezeichnet! Ja, er hat gelitten. Aber es gab wenig Augenmerk auf dieses blutige Zeug, das Gibson darstellt".

© Katholische Presseagentur Kathpress (KAP), Wien 2004; KATHPRESS-Tagesdienst Nr. 63

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Streit um die Rolle der Juden in Jesus-Filmen - von Reinhold Zwick uparrowprint druckenemail versenden

Für den deutschen Theologen und Filmexperten Reinhold Zwick in Münster reicht der Streit um die Rolle der Juden in Jesus-Filmen "zurück in die Stummfilmzeit": Schon 1916 habe der US-Regisseur David Wark Griffith eine Szene von "Intolerance" neu drehen müssen; in der Originalversion hatten Juden Jesus ans Kreuz geschlagen. Historisch bestehe aber kein Zweifel, dass die römische Besatzungsmacht den Wanderprediger Jesus von Nazareth zum Tode verurteilte, weil sie ihn für einen politischen Unruhestifter hielt. Nur der römische Statthalter von Judäa, Pontius Pilatus, durfte Todesurteile aussprechen.

Für Zwick wie für viele moderne Theologen liegt der Grund für die permanente Denunzierung der Juden in einem "unkritischen und naiven Verständnis" der Evangelien. Im Matthäus-Evangelium etwa heisst es, Jesus sei gewaltsam vor den jüdischen Hohepriester Kaiphas und die Ältesten gebracht worden, die ihn der Gotteslästerung beschuldigten und ihn dann dem römischen Statthalter Pilatus übergaben. Der eher unentschiedene Pilatus, so Matthäus, sei von ihnen förmlich bedrängt worden, Jesus zu töten.

Das Neue Testament, so Zwick, enthalte aber keine historischen Berichte, sondern Glaubenszeugnisse. In den Evangelien spiegelt sich nach Auffassung vieler Bibelforscher die endgültige Ablösung der frühen Christen von den jüdischen Gemeinden, die aber erst um das Jahr 70 n. Chr. stattfand. Jesus selbst, wie seine Jünger ein gläubiger Jude, stritt zwar mit den Hohepriestern über die richtige Auslegung der Thora, gibt aber für antijüdische Ressentiments nichts her.

Mel Gibson hat, um Kritiker zu besänftigen, den Film jetzt doch ein bisschen entschärft. Simon von Cyrenius, der das Kreuz für Jesus trägt, soll klar als Jude kenntlich werden. Auch dem entfesselten Mob, der den Leidensweg Jesu säumt, wird er einige Stimmen beimischen, die lautstark gegen die Kreuzigung protestieren. Ob das die Gemüter beruhigt, ist fraglich.

Denn schon taucht ein neuer Konjunktiv auf. Die amerikanische Filmkritikerin Barbara Nicolosi hat den Film gesehen und klar erkannt, dass der Satan, mit dem Maria Magdalena kämpft, weiblich ist. Könnte jetzt eine neue feministisch-theologische Kontroverse losbrechen?, fragt Nicolosi öffentlich.

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Welches waren Gibson’s Quellen? uparrowprint druckenemail versenden

Der Regisseur gibt in einem Interview Auskunft - In Europa spricht man darüber, dass Gibson sich bei seinen Recherchen zu seinem Film auf die Visionen der Anna Katharina Emmerich stützte. Stimmt das und in wie weit wurde er davon beeinflusst? Mel Gibson: "Nun, ich habe ihr Buch gelesen, 'Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus'. Es handelt sich einfach nur um ihre Visionen der Passion Christi. Ich habe niemals etwas anderes von dem gelesen, was sie sonst noch geschrieben hat, aber das war unglaublich detailliert. Man kann natürlich einer solch persönlichen Offenbarung nicht die gleiche Art von Glaubwürdigkeit zuteil werden lassen wie den vier Evangelisten. Nein, so etwas kann man nicht machen. Aber es war trotzdem interessant zu lesen, wie weit sie gegangen ist, egal woher das kam oder wodurch es inspiriert wurde. Und sie hat Details unglaublich viel Aufmerksamkeit geschenkt. Einige davon habe ich benutzt, sie haben mich bis zu einem bestimmten Grad beeinflusst. Aber ich habe viele Dinge gelesen, ob es nun „Maria de Agreda" war, ob „Emmerich" und dann gibt es da noch dieses Buch von dem Jesuiten "Galway" und er nähert sich mehr oder weniger aus dem historischen Blickwinkel und macht dann Annahmen, die er der geschichtlichen Überlieferung gegenüberstellt. Es sind ziemlich erstaunliche Schlüsse, die er zieht. Und er zieht nicht nur eine Schlussfolgerung. Für die gleiche Reihe an Beweisen hat er in etwa acht verschiedene mögliche Schlussfolgerungen, die man pro Beweisstück ziehen kann, was eine unglaubliche Menge ergibt. Das ist einfach Wahnsinn. Und sie sind alle gleich stichhaltig, einer wie der andere. Und manche davon hielt ich einfach für erstaunlich, zum Beispiel wenn sich das Grabtuch senkt. Das war eine seiner Vermutungen, dass er, weil er (Jesus) ja ein Geist war, einfach entweichen konnte, er musste das Tuch nicht entfernen. Das ist, womit sich einige dieser dicken Wälzer, die ich gelesen habe, beschäftigen. Und ich habe über die Jahre viele Bücher gelesen und mit vielen Schriftgelehrten und Theologen gesprochen und hab sie Billy Graham gezeigt, Bischöfen und anderen wichtigen Persönlichkeiten. Ich hab das alles diesen Leuten gezeigt und sie haben alle gesagt, dass es hieb und stichfest ist. Es stimmt mit den Evangelien überein."

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DIE PASSION CHRISTI: Mel Gibson im Interview uparrowprint druckenemail versenden

Wie lange haben Sie die Idee diesen Film zu machen mit sich herumgetragen und was hat sie ausgelöst?

Mel Gibson: Das ganze Projekt ist seit 13 Jahren in Arbeit, seit 12 oder 13 Jahren, vielleicht einen Monat mehr oder weniger. Und was hat mich dazu veranlasst? Nun... Ich weiß nicht. Wissen Sie, man gelangt im Leben an einen Punkt, an dem man sich selbst die großen Fragen stellt. Oder die große Frage: Warum? Worum dreht sich alles? Verstehen Sie? Wo wird alles enden? Warum mache ich das mit? Ich könnte ja der Grill sein und Sie derjenige mit dem Bratspieß. Also, ich denke, jeder hat einmal eine Zeit, in der man ganz unten ist und man Dinge für sich neu bewerten muss, eine Zeit, in der es ziemlich viel Schmerz im Leben gibt. Und mit Sicherheit, auch wenn es in diesem Moment nicht so scheint, hat das immer etwas Gutes, weil es normalerweise der Anstoß für eine Veränderung ist. Ja, es war damals vor 13 Jahren, als ich anfing, mich damit auseinander zu setzen. Und, wissen Sie, ich bin ein Künstler, ich mache Kunst, deshalb denke ich, ganz egal was es ist, was zu einem wichtigen Thema für mich wird - und das wurde eines - wird sich schließlich einer Form der Kunst ausdrücken, wenn man ein Künstler ist. Es wird das bestimmen, was man macht.

Warum haben Sie das in der Art und Weise gemacht, die Sie gewählt haben: die Brutalität, warum zeigen sie die bloße Gewalt der Soldaten und der Folter so drastisch? Sie zeigen wirklich alles. Wie sehr gingen Sie an die Grenzen? Glauben Sie, Sie bewegen sich an der Grenze, wenn Sie das auf eine solch eindringliche Art zeigen?

Mel Gibson: Ich glaube, ja, es ist sehr brutal. Aber ich glaube, es ist notwendig. Aber es ist nicht so brutal, dass... Es ist, wie ich schon vorher gesagt habe: Ich will die Zuschauer an den Rand des Erträglichen bringen, aber gleichzeitig muss man sie an der Hand nehmen, wenn man dort mit ihnen hingeht. Damit die Brutalität zugleich lyrisch ist und es eine Art von Schönheit in der Brutalität gibt. Und während ich diesen Film drehte, war ich mir dieser Herausforderung sehr bewusst. Aber wenn man nicht will, dass jeder schreiend aus dem Kino läuft, muss man einen Weg finden, einen lyrischen Weg, die Brutalität zu zeigen.

Was waren Ihre Quellen? In Österreich und Deutschland spricht man darüber, dass Sie sich bei Ihren Recherchen zu Ihrem Film auf die Visionen der Anna Katharina Emmerich stützten. Stimmt das und in wie weit wurden Sie davon beeinflusst?

Mel Gibson: Nun, ich habe ihr Buch gelesen, "Das bittere Leiden unseres Herrn Jesus Christus“. Es handelt sich einfach nur um ihre Visionen der Passion Christi. Ich habe niemals etwas anderes von dem gelesen, was sie sonst noch geschrieben hat, aber das war unglaublich detailliert. Man kann natürlich einer solch persönlichen Offenbarung nicht die gleiche Art von Glaubwürdigkeit zuteil werden lassen wie den vier Evangelisten. Nein, so etwas kann man nicht machen. Aber es war trotzdem interessant zu lesen, wie weit sie gegangen ist, egal woher das kam oder wodurch es inspiriert wurde. Und sie hat Details unglaublich viel Aufmerksamkeit geschenkt. Einige davon habe ich benutzt, sie haben mich bis zu einem bestimmten Grad beeinflusst. Aber ich habe viele Dinge gelesen, ob es nun „Maria de Grada" war, ob „Emmerich" und dann gibt es da noch dieses Buch von dem Jesuiten "Galway" und er nähert sich mehr oder weniger aus dem historischen Blickwinkel und macht dann Annahmen, die er der geschichtlichen Überlieferung gegenüberstellt. Es sind ziemlich erstaunliche Schlüsse, die er zieht. Und er zieht nicht nur eine Schlussfolgerung. Für die gleiche Reihe an Beweisen hat er in etwa acht verschiedene mögliche Schlussfolgerungen, die man pro Beweisstück ziehen kann, was eine unglaubliche Menge ergibt. Das ist einfach Wahnsinn. Und sie sind alle gleich stichhaltig, einer wie der andere. Und manche davon hielt ich einfach für erstaunlich, zum Beispiel wenn sich das Grabtuch senkt. Das war eine seiner Vermutungen, dass er, weil er ja ein Geist war, einfach entweichen konnte, er musste das Tuch nicht entfernen. Das ist, womit sich einige dieser dicken Wälzer, die ich gelesen habe, beschäftigen. Und ich habe über die Jahre viele Bücher gelesen und mit vielen Schriftgelehrten und Theologen gesprochen und hab sie Billy Graham gezeigt, Bischöfen und anderen wichtigen Persönlichkeiten. Ich hab das alles diesen Leuten gezeigt und sie haben alle gesagt, dass es hieb und stichfest ist. Es stimmt mit den Evangelien überein. Es gibt eine handvoll Menschen, die sagen, dass dem nicht so sei. Und die sich wiederholenden Stimmen dieser drei oder vier Personen sind immer wieder zu hören. Sie haben laute Stimmen in Zeitungen und so weiter. Das sind Revisionisten.

© Quotenmeter.de – Star News
Web Site: http://www.quotenmeter.de/index.php?newsid=4866

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Ohne Passion kein Christentum - Stellungnahme der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) uparrowprint druckenemail versenden

Zürich, 23.03.2004 / SEA

Die Passion Christi 4

Die Passion Christi 4

Vor den zentralen Aussagen des Films die Augen nicht verschliessen: Ohne Passion kein Christentum

Auch wenn „The Passion of the Christ“ bezüglich Gewalt an die Grenzen des Erträglichen geht, empfiehlt die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA), vor dem Kern der Aussagen des Films die Augen nicht zu verschliessen. Christen wie Nichtchristen sollen die Gelegenheit nutzen, sich mit den zentralen Passionstexten in der Bibel auseinander zu setzen und miteinander darüber ins Gespräch zu kommen. Die SEA findet Mel Gibsons Jesus-Film weder Gewalt verherrlichend noch antisemitisch.

Zürich, 19. März 2004 (hjl/fh.) „The Passion of the Christ“ ist seit gestern in den grösseren Kinos der Schweiz zu sehen. Der im Vorfeld stark und kontrovers diskutierte Streifen wird dem Titel gerecht. Das Leiden des Jesus von Nazareth wird dem Betrachter näher gebracht, als er es zulassen will. Was gezeigt wird, geht unter die Haut, macht betroffen. Der Kinobesucher wird, zwar freiwillig, zum unfreiwilligen Voyeur, als wäre er unverhofft Zeuge eines tragischen Unfalls geworden.

Doch die letzten 12 Stunden im Leben des Nazareners sind nicht zufällig, das Leiden nicht Folge einer Reihe tragischer Zufälle. In diesen Stunden wird das Zentrale der biblischen Botschaft herausgeschält. Das Ziel der Menschwerdung Gottes wird sichtbar: Jesus Christus, der in seinem Leiden die Schuld der Welt trägt. Spätestens bei der Rückblende auf das Abendmahl wird deutlich, dass Jesus das Leiden freiwillig auf sich nimmt und deshalb der Vorwurf, der Film sei antisemitisch, nicht haltbar ist.

Die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA) empfiehlt deshalb, bei diesem Film – im übertragenen Sinne – nicht wegzuschauen, sondern sich dem Kern der Aussagen zu stellen und sich mit der Botschaft der Evangelien persönlich auseinanderzusetzen. Die SEA weist auch darauf hin, dass es ja jedem möglich ist, die Texte der Bibel selbst zu lesen und mit dem Film zu vergleichen. Warum also nicht einmal ganz konkret das Markusevangelium und die Apostelgeschichte lesen? Im Weiteren lädt die SEA die Kirchen der Schweiz ein, betroffenen und fragenden Kinobesuchern im persönlichen Gespräch oder mit geeigneter Literatur Antwort zu geben.

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Die Schweizerische Evangelische Allianz (SEA) ist eine Bewegung von Christinnen und Christen aus reformierten Landeskirchen, evangelischen Freikirchen und christlichen Organisationen. Sie besteht aus 90 lokalen Sektionen mit rund 600 Gemeinden. Kenner schätzen die Basis der SEA auf rund 250 000 Personen.

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Schweizer Kirchen zu «The Passion of the Christ» uparrowprint druckenemail versenden

Zürich(Freiburg, 23.03.2004 / SEK und SBK

Der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) und der Infodienst der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) haben nach dem Filmstart von «The Passion of the Christ» in der Schweiz ihre kritischen Überlegungen zum Werk von Mel Gibson veröffentlicht.

Gegen eine Verfilmung von biblischen Stoffen ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Die Bibel ist Teil der Weltliteratur. Das Alte und das Neue Testament wurden vielfach als Quelle für Verfilmungen gebraucht. Mel Gibsons «The Passion of the Christ» steht hier in einer Tradition. Ein Film kann – auch wenn er auf historischen Recherchen beruht und sich eng an die literarische Vorlage der Passionsberichte hält – indessen nicht den Anspruch erheben, historisch authentisch zu sein.

Die unterschiedlichen Passionsberichte der vier Evangelien selber erheben auch nicht den Anspruch, darzustellen, «wie es war». Sie enthalten theologische Deutungen und Akzentuierungen und dürfen nicht als Zusammenstellung von Fakten gelesen werden. «The Passion of the Christ» ist die Verfilmung biblischer Literatur, und als solche ein Gemisch von Interpretationen, Fantasie, Ausschmückung, Vergröberung, Auswahl und Akzentuierungen, bearbeitet mit den modernsten technischen Mitteln des
21. Jahrhunderts. Insofern kann auch Gibson nicht den Anspruch erheben, historisch authentisch zu sein.

Verkürztes Christusbild

Theologisch ist der Film daran zu messen, ob es ihm gelingt, die theologischen Hintergründe und dadurch den Sinn der Selbsthingabe Jesu in den Tod aufzuzeigen. «Christus ist für uns in den Tod gegangen» ist der Kern der neutestamentlichen Interpretation des Leidens und Sterbens Jesu Christi. Ob «entkirchlichte», «entchristlichte» und säkularisierte Menschen diese Botschaft verstehen können, ist mehr als fraglich. Theologisch problematisch ist hingegen die Verkürzung des Christusbildes auf den leidenden Christus. Die Passion ist nicht das einzige Profil, das die vier Evangelien von Jesus zeigen: Jesus ist auch ein grosser Lehrer und Tora-Interpret, seine Botschaft enthält starke politische und soziale Impulse, und im Übrigen zeigt er einen Gott der Liebe und der Vergebung. Es stellt sich die Frage, wem mit einem derart verkürzten Christusbild, wie es im Film dargestellt wird, gedient ist.

Wieviel Gewalt?

Der Film führt mit drastischen Mitteln vor Augen, dass die Kreuzigung eine bestialische Form der Tötung war. Das Positive daran: Es wird ins Bewusstsein gerückt, dass das Kreuz nicht zuerst ein (womöglich beliebiges) Symbol ist, dessen Herkunft man nicht kennt und auch nicht zu kennen braucht, und schon gar nicht ein Schmuckstück, sondern ein Folter- und Tötungsinstrument. Diese Aufklärung tut gut.

Ob die ausführlichen und ins Zentrum gerückten Gewaltszenen wirklich nötig sind, ist eine andere Frage. Das Leiden Christi wurde zu allen Zeiten mit den Mitteln dargestellt, die verfügbar waren, ob in der bildenden Kunst oder in szenischen Aufführungen. Der geschundene und blutüberströmte Christus mit der Dornenkrone aus dem Mittelalter wirkt lediglich auf «moderne» Menschen nicht brutal, weil deren Reizschwelle beträchtlich höher ist.

Problematisch an den Gewaltszenen ist, dass durch die Übertragung vom Medium Literatur in das Medium Film mit seinen Eigengesetzlichkeiten eine Vergröberung stattfindet. Die Passionsberichte beschreiben Folter, Gewalt und Leiden mit Worten, und auch das sehr zurückhaltend. Sie überlassen alle konkrete Vorstellung der Fantasieleistung des Hörers oder der Leserin. Sie erlauben aber auch die Verweigerung einer konkreten Vorstellung. Durch die anschauliche Darstellung im Film wird das in den Texten Angelegte verdichtet, verbindlich konkretisiert und in einer Weise zugespitzt, die keine Alternativen zulässt. Theologisch ist zu fragen: Muss ein Mensch, der sich der Passionsgeschichte Christi stellen will, zwingend Gibsons Umsetzung in realistische, dank modernsten technischen Mitteln so echt als nur möglich wirkende Gewaltszenen akzeptieren? Wäre dasselbe Ziel, eine aktive Auseinandersetzung mit Leiden und Sterben Christi, nicht auch – vielleicht besser – mit weniger Gewalt zu erreichen? Eine theologische Legitimation, Grausames realistisch darzustellen, gibt es nicht.

Antisemitismus

Antisemitismus ist dann gegeben, wenn rassistische Stereotypen, die sich in der Geschichte als wirksam und gefährlich erweisen haben, aufgenommen und reproduziert werden. Auch das blosse Zitieren der Bibel kann antisemitisch sein. Von ebendieser Gefahr ist auch der Film nicht frei. Es gibt Dinge, die nach der Shoa nicht mehr gesagt werden dürfen, ohne dass sie gleichzeitig kommentiert, historisch eingeordnet und relativiert werden. Das Argument, es würden in «The Passion of the Christ» nur Bibeltexte verwendet, schützt nicht vor dem Antisemitismus-Vorwurf. Das vulgäre «Christusmörder-Klischee» –
die Juden sind für den Tod Jesu verantwortlich – ist bis heute nicht verschwunden. Alles, was heute die kollektive Schuldzuweisung an die Juden stützt, ist unter allen Umständen zu unterlassen; auch wenn es im Zitieren von Bibelversen besteht.

Selbst wenn das Neue Testament als frei von Antisemitismus bezeichnet wird – was von der Definition und der Beurteilung der historischen Konstellation abhängt –, lässt sich nicht leugnen, dass in ihrer Rezeptions- und Auslegungsgeschichte über Jahrhunderte hinweg Grausames mit den biblischen Texten legitimiert und gefördert werden konnte. Es ist die theologische Verantwortung der Kirche, solchem entschieden entgegenzutreten und es zu verhindern. Entsprechendes muss für Regisseur Gibson gelten, wenn er sich mit biblischen Texten befasst. Eine blosse verbale Distanzierung genügt nicht, wenn der Film selber nicht eindeutig genug spricht.

Fazit

In der Einschätzung von SEK und Infodienst SBK ist «The Passion of the Christ» ein entbehrlicher Film, der nicht zu hoch gewertet werden sollte. Historisch ist das Werk unzuverlässig und in weiten Teilen problematisch. Eine pauschale Abwertung ist jedoch nicht angezeigt. «The Passion of the Christ» ist ein Werk, das bald in Vergessenheit geraten dürfte – dann, wenn der (mediale) Hype vorbei ist. Eine positive Wirkung kann sein, dass der Film die Menschen animiert, sich wieder einmal mit den Urtexten auseinander zu setzen.

Schweizerischer Evangelischer Kirchenbund (SEK) und
Schweizer Bischofskonferenz (SBK)

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Gemeinsame Stellungnahme zum Film „Die Passion Christi“ - von Präsident Paul Spiegel, Karl Kardinal Lehmann und Bischof Wolfgang Huber uparrowprint druckenemail versenden

Berlin, Bonn, Hannover, 23.03.2004 /

Die Passion Christi 8

Die Passion Christi 8

Am 18. März 2004 startet der umstrittene Film „Die Passion Christi“ in den deutschen Kinos. Wie kein anderer Bibelfilm zuvor hat dieser Film schon im Vorfeld erhebliche Kontroversen unter Vertretern verschiedener Religionen, Theologen und Filmexperten hervorgerufen. Ebenso extrem sind die Reaktionen der Besucher: Einige sind tief beeindruckt und fühlen sich angeregt, über die Passion Christi intensiver nachzudenken. Andere sind durch die brutalen Bilder, vor allem der Geißelung und Kreuzigung, schockiert und empfinden den Film als belastend.

Das Ausmaß der brutalen Szenen der Gewalt empfinden wir als überaus verstörend. Die rohen, lauten Szenen der Geißelung, des Kreuztragens und der Kreuzigung selbst muten den Kinobesuchern viel zu und überschreiten für viele die Grenze des Erträglichen. Wenn die ständigen Gewaltdarstellungen der Medien immer weiter überboten werden sollen, endet dies in einer fast unaufhaltsamen Spirale der Grausamkeit. Mit dieser drastischen Darstellung verkürzt der Film die Botschaft der Bibel auf problematische Weise. Der Film birgt die Gefahr in sich, das Leben Jesu auf die letzten zwölf Stunden zu reduzieren.

Wie die bisherige Diskussion gezeigt hat, liegt ein weiteres Problem des Films in der Darstellung der damals beteiligten Juden. Unabhängig davon, ob der Film von seiner Intention her antisemitisch ist, besteht die Gefahr, dass der Film im Sinne antisemitischer Propaganda instrumentalisiert werden kann. Zwar enthält der Film durchaus Ansätze zu Differenzierungen in der Darstellung der jüdischen Figuren, insgesamt erweckt er jedoch den Eindruck einer negativen Überzeichnung zum Beispiel des Hohen Rates und breiter Schichten des jüdischen Volkes. Die Darstellung des Films birgt die Gefahr, dass antisemitische Vorurteile wiederaufleben. Dies ist besonders brisant angesichts einer Situation in Europa, in der ein Erstarken antisemitischer Tendenzen erkennbar ist.

Wir warnen gemeinsam nachdrücklich vor jeder Instrumentalisierung des Films und des Leidens Jesu im Sinne antisemitischer Propaganda. Die christlichen Kirchen haben ausdrücklich erklärt, dass der Antijudaismus zur christlichen Schuldgeschichte gehört. Sie weisen die These von einer Kollektivschuld des jüdischen Volkes und jede Form von Antisemitismus und Rassismus entschieden zurück. Die Beziehungen zwischen Christen und Juden sind heute von gegenseitigem Respekt und Anerkennung geprägt. Wir fordern alle Verantwortlichen auf, entschieden dafür einzutreten, dass diese guten Beziehungen nicht durch eine sich auf diesen Film berufende Instrumentalisierung des Leidens Jesu beeinträchtigt werden.

Berlin, Bonn, Hannover, 18. März 2004

Zentralrat der Juden in Deutschland: Präsident Dr. h.c. Paul Spiegel

Deutsche Bischofskonferenz: Karl Kardinal Lehmann

Evangelische Kirche in Deutschland: Bischof Wolfgang Huber

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Jesus soll die Kinos retten uparrowprint druckenemail versenden

Frankfurt am Main, 23.03.2004 / Associated Press (AP

Das Kinojahr 2003 war trist genug, denn Publikumszahlen wie Umsätze sanken zweistellig. Doch die Zahlen im ersten Quartal 2004 signalisieren keinerlei Aufwärtstrend, sondern gar einen weiteren Absturz. Mitte März wurden über zwölf Prozent weniger Besucher und rund 14 Prozent weniger Kasseneinnahmen registriert. Kein Wunder also, dass sich jetzt alle Hoffnungen auf den in den USA sensationell erfolgreichen Mel-Gibson-Film "Die Passion Christi" richten, der am (heutigen) Donnerstag auf die Leinwände kommt.

Ob Jesus den deutschen Kinos zum Quartalsende noch bessere kommerzielle Zahlen bescheren wird, bleibt abzuwarten. An der hohen Zahl von über 400 Kopien, die der Constantin-Verleih in München im gesamten Bundesgebiet einsetzt, wird jedenfalls der Erfolg des in Deutschland gegen etliche sehr negative bis unverhohlen ablehnende Kritiken und Kommentare kämpfenden Films um den blutigen Leidensweg von Jesus Christus nicht scheitern. Dass Gibsons Version vom irdischen Ende des Religionsstifters so heftig umstritten ist, könnte dem Film zum Vorteil gereichen. Denn auch viele Menschen ohne religiöse Bindung werden sich ein eigenes Urteil bilden wollen.

Und der Zustrom von Mitgliedern der christlichen Kirchen, freikirchlichen Gemeinschaften und diverser Sekten dürfte dem Kinoereignis ohnehin gewiss sein. Bereits im Vorjahr war die Leinwandfassung des Reformatorschicksals "Luther" überraschend erfolgreich mit fast drei Millionen Kartenverkäufen. Deutschlands Lichtspielbesitzer hoffen inständig auf eine Wiederkehr dieser Besucher, die sich mehr als bei anderen Streifen aus reiferen Altersschichten rekrutierten und daher besonders begehrt sind.

Jesus soll die Kinos retten
Daran ändert auch der hervorragende Start des Berlinale-Gewinners "Gegen die Wand" nichts, der nach Angaben seiner Verleihfirma wenige Tage nach dem Kinostart über 100.000 Zuschauer anzog und damit die Erwartungen deutlich übertraf. Allerdings hatte der Wirbel um die Porno-Vergangenheit der Hauptdarstellerin Sibel Kekilli dem Film von Fatih Akin auch mehr Publizität verschafft als der Goldene Bär bei den Filmfestspielen in Berlin.

Weit hinter den Hoffnungen zurück blieben allerdings 2004 so hocheingeschätzte Produktionen wie "Unterwegs nach Cold Mountain", die nach drei Wochen noch nicht mal eine halbe Million Besucher zählte, oder das ambitionierte deutsche Jugenddrama "Was zählt die Liebe in Gedanken" (bislang rund 160.000 Zuschauer).

Selbst Hollywoods Erfolgskomödie "Was das Herz begehrt" brauchte über vier Wochen, um die Zwei-Millionen-Grenze zu überschreiten. Zwar werden im ersten Halbjahr 2004 noch einige hitverdächtige Filme wie Wolfgang Petersens "Troja", Roland Emmerichs "The Day after Tomorrow" sowie "Harry Potter und der Gefangene von Azkaban" Besucher-Millionen garantieren. Aber zwei sportliche Großereignisse im Sommer könnten dann wieder für große Leerstellen im Parkett sorgen: Die Fußball-Europameisterschaften in Portugal und die Olympischen Spiele in Athen. 2004, das steht schon fest, wird auch dann ein hartes Jahr für die deutsche Kinobranche werden, wenn der Sommer nicht ganz so heiß wird wie 2003.

© 2004 The Associated Press.

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"Ein Hollywood-Streifen ist kein Film der Bischofskonferenz" uparrowprint druckenemail versenden

Wien/Österreich, 27.03.2004 / Kathpress

Wiener Dompfarrer Faber verteidigt Gibson-Film "Die Passion Christi" –
Kontroversielle Diskussion in der TV-Reihe "philosophicum"

Als eine Chance für die Kirche, mit den Menschen über Jesus "missionarisch" ins Gespräch zu kommen, hat der Wiener Dompfarrer Anton Faber den Film "Die Passion Christi" bezeichnet. Es handle sich um einen "Hollywood-Film" über das Leiden Christi, an den nicht derselbe Massstab angelegt werde dürfe wie an einen kirchlichen Verkündigungs-Film, so Faber am 23. März in der TV-Diskussion "philosophicum". "Man sollte einen Hollywood-Film nicht mit einer Bibeldokumentation verwechseln, die von der Bischofskonferenz in Auftrag gegeben wurde", so Faber. Dass sich so viele Menschen den Gibson-Film ansehen, ist für ihn als Priester eine Chance, mit Menschen über Jesus ins Gespräch zu kommen, sagte der Wiener Dompfarrer. Dabei würden nicht die brutalen Gewaltszenen das Hauptthema sein, sondern die Frage, welches Ziel Jesus mit den Menschen hatte, wenn er bereit war, so viel Leid für sie auf sich zu nehmen. Und die Folter und die Kreuzigung Jesu würden in Wirklichkeit "kaum weniger blutig" und gewalttätig vor sich gegangen sein als der Gibson-Streifen zeigt, so Faber. Was in dem Film "nachgespielt" werde, sind in den Augen Fabers Erfahrungen, die auch in den Evangelien nachzulesen seien. Anstatt akribische Exegesen zu betreiben, sollte man den Film einfach als Hollywood-Streifen sehen, der den biblischen Befund nicht ausser acht lasse, "in diesem Bachbett drinnen" bleibe, so Faber. Wenn er am Freitag im Stephansdom den Kreuzweg bete, dann zitiere auch er Texte, die man "mit der selben Berechtigung historisch-kritisch niedermetzeln könnte".

Heftige Kritik an dem Gibson-Film übte dagegen der evangelische Theologe Ulrich Körtner, der den Streifen als ein "Machwerk" abqualifizierte. Er habe während des Films "keine Minute lang irgend religiöses Gefühl gehabt", so Körtner. Es handle sich um eine "Eskalation von Gewalt", dem Film fehle die "spirituelle Tiefe". Es komme nur der Teufel vor, Gott hingegen nicht. Körtner warf Gibson auch einen unsachgemässen Umgang mit der Bibel vor.

Die jüdische Theologin Ruth Lapide kritisierte, dass der Film nicht deutlich mache, dass Jesus sein Leben "freiwillig" hingegeben habe. Stattdessen werde die Schuld für den Tod Jesu - so Lapide - "auf die Juden geschoben". Dabei müssten die Christen eigentlich "dankbar" sein, dass Jesus sich freiwillig hingegeben habe, weil es sonst gar keine christliche Religion gäbe.

Der katholische Theologe und Filmexperte Reinhold Zwick aus Münster meinte, dass der Film für sehr "fromme" Menschen, die mit Kreuzweg-Andachten und Rosenkranz aufgewachsen sind, durchaus ein spirituelles Ereignis sein könne. Für alle anderen sei der Film ein "entsetzliches Gemetzel", das vom christlichen Glauben eher entfremde als hinführe. Als einen "Humbug" bezeichnete Zwick die in der Werbung behauptete historische Authentizität. Zudem gehe der Film so "naiv" mit der Bibel um, als hätte es nie eine Bibelwissenschaft gegeben, die den Weg zur Wahrheit "erst anbahnt". Dem Film liege eine mittelalterliche Frömmigkeit zu Grunde, die in Europa "Gott sei Dank" nicht so ankomme wie im evangelikalen Amerika.

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Heidnischer Blutrausch - "The Passion of the Christ" von Mel Gibson uparrowprint druckenemail versenden

Zürich, 27.03.2004 / forum

von Thomas Binotto

Lange wurde über den Jesusfilm des amerikanischen Superstars Mel Gibson debattiert – lange bevor überhaupt Bilder davon zu sehen waren. Jetzt läuft der Film in den Schweizer Kinos – die Debatte geht weiter …

Spätestens wenn Jesus vor Pilatus steht und beharrlich schweigt, wird seine Mission offenbar: Er ist hier, um zu leiden und zu sterben. Oder wie es auf Devotionalien steht, welche Mel Gibsons Produktionsfirma verkauft: „Dying was his reason for living.“ (Sterben war sein Grund zu leben.) Damit wird der Inhalt und die Botschaft von „The Passion of Christ“ exakt zusammengefasst. Und nachdem der Körper von Jesus zwei Stunden lang gemartert wurde, wundert es auch nicht mehr, dass dieselbe Firma „The Passion Nail“, einen Passionsnagel am Lederbändchen, vertreibt, ja diesen sogar als Warenzeichen hat schützen lassen. Der Nagel wird zum Emblem einer Gemeinde, die nicht an Ostern glaubt – der die Passion alles ist.

Filmausschnitt 1

Filmausschnitt 1

(C) by Icon Entertainment International

Gibsons Anspruch, die letzten zwölf Stunden im Leben Jesu biblisch und historisch korrekt auf die Leinwand gebracht zu haben, ist derart lachhaft, dass es sich kaum lohnt, darauf ernsthaft einzugehen. Selbstverständlich hält er sich nur oberflächlich betrachtet an die Evangelien. Sein Film strotzt vor Erfindungen, unter denen das Witzchen mit Jesus als Konstrukteur eines neumodischen hochbeinigen Tisches, noch das harmloseste ist. Das Vorhaben, aus den knappen und mit Details zurückhaltenden biblischen Quellen einen absolut quellentreuen zweistündigen Film zu machen, ist im Übrigen von vorneherein zum Scheitern verurteilt und war noch nie ein Garant für gelungene Jesusfilme.

Formal arbeitet Gibson mit den kruden Mitteln des Action- und Horrorfilms. Dazu gehört die endlose Aneinanderreihung von Showdowns, unterbrochen von nichtssagenden und banalen Rückblenden, die lediglich dazu dienen, eine Atempause vor der nächsten Kampfszene zu gewähren. Dazu gehören optisch effektvoll aber ohne dramaturgische Logik eingesetzte Zeitlupenaufnahmen. Dazu gehört eine klebrig pompöse Tonspur. Dazu gehört ein unbekümmerter Rassismus, der sich mehr gewohnheitsmässig als gezielt an Juden und Schwulen vergeht. Dazu gehören billige Schockeffekte. Dazu gehören perfekt ausgeleuchte Folterszenen, in denen die Blutströme ästhetisch arrangiert werden. Und dazu gehört natürlich ein Held, der immer wieder aufsteht. Nachdem sich der moderne Action-Film ausgiebig im Fundus christlicher Ikonographie bedient hat, um seine Helden zu glorifizieren, tut Gibson nun das Umgekehrte: Er greift auf seine Erfahrungen im Action-Genre zurück und bastelt damit einen Prügelfilm für fromme Sadisten.

Das bizarrste an Gibsons Film ist aber das Jesusbild, das er propagiert – es ist von reinstem Materialismus. Dieser Jesus ist nur Körper – und sonst gar nichts. Kein Reich Gottes, das er verkündet, keine Erlösung, für die er leidet, und schon gar keine frohe Botschaft. Dieser Jesus hat nur einen Auftrag: Sein Blut zu vergiessen – und nach jeder Demütigung, jeder Geisselung, jeder Tortur wieder aufzustehen, um auf dem Weg zur nächsten Qual weiterzustolpern. In seinem Leidensdrang wirkt er nicht mehr als Opfer sondern als ein von Hybris getriebener, unbarmherziger, verstockt aggressiver Fanatiker, der seine Widersacher dadurch in die Knie zwingt, dass er mehr Leiden aushält, als sie ihm zufügen können. Er blutet, also ist er!

Es ist deshalb nur konsequent, dass Gibson bei der Darstellung der Auferstehung buchstäblich die Luft ausgeht. Und so gefühllos grimmig wie sein Auferstandener aus dem Bild schreitet, wäre man nicht überrascht, ihn in einer Fortsetzung zu sehen, die dann wohl den Titel „The Holy Revenge“ tragen müsste.

Man kann zu Recht einwenden, dass die Passion allzu oft verharmlost und als peinliche Zwischenstation auf dem Weg zur Auferstehung gezeigt wird. Aber nur wer Gift mit Gegengift bekämpfen will, kann Gibsons Jesus-Film als akzeptable Antwort auf ein allzu blutleeres Jesusbild propagieren. Gibsons Passion ist letztlich nichts weiter als ein grausames heidnisches Opferritual, das sich vollends als solches zu erkennen gibt, wenn der römische Soldat Jesus in die Seite sticht und er daraufhin zusammen mit Maria förmlich von einer segnenden Blutdusche getränkt wird. Wer ernsthaft glaubt, solche Drastik und Brutalität alleine genügten schon, um Mitleid, Erschütterung und Umkehr zu wecken, der verleugnet damit letztlich die Passionberichte selbst, so wie sie in den Evangelien stehen, denn diese haben es mit einem Minimum an Details geschafft, viel mehr als nur ein paar Kinotränen in Bewegung zu setzen.

„The Passion of Christ“ – das ist kein Jesusfilm sondern eine obszöne Karikatur dessen, woran Christen glauben.

Der Autor, Thomas Binotto, ist Redaktor des Pfarrblatts "forum"

© forum, Pfarrblatt der katholischen Kirche im Kanton Zürich, Zürich, 18.03.2004

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Münchner Theologe von Gibsons Film "nicht besonders angesprochen" uparrowprint druckenemail versenden

München/Deutschland, 27.03.2004 / Kathpress

Den Münchner Theologen Joachim Gnilka hat Mel Gibsons "Die Passion Christi" nach eigenen Worten "nicht besonders angesprochen". Es gebe zwar erschütternde Szenen, bei denen man nur die Augen zumachen könne, aber am Schluss bleibe die Frage "Worum geht es eigentlich?", sagte der emeritierte Professor für Neues Testament in einem Gespräch mit der "Süddeutschen Zeitung" (SZ) in München. Dazu komme, dass Gibson Blut sehr wichtig nehme. Er bringe es aber in einer fragwürdigen Weise mit dem Abendmahl zusammen, kritisierte Gnilka. Man gewinne bei ihm fast den Eindruck, dass die Christen beim Abendmahl das Blut Jesu trinken würden: "Es sind aber der Tod und die Auferstehung Jesu, die im Abendmahl gegenwärtig werden". Historisch betrachtet sei der Kreuzestod Jesu das am meisten gesicherte Ereignis in dessen Leben, unterstrich der Theologe. Gibsons Schilderung der Brutalität dürfte deshalb zum grössten Teil realistisch sein. "Aber ich habe mich beim Zusehen immer gefragt: Was ist hier typisch für Jesus?" Schliesslich sei auch der aufständische Sklave Spartakus gekreuzigt worden.

Bezüglich der Antisemitismus-Diskussion erinnerte Gnilka daran, dass die frühen Christen als jüdische Sekte galten. Erst in der gemischt heiden- und judenchristlichen Gemeinde in Antiochia hätten sie den Titel Christen bekommen.

Nach Ansicht Gnilkas hätte Gibson zumindest den Tempelprotest Jesu vorschalten müssen, da sonst der Konflikt zwischen Jesus und den Hohenpriestern überhaupt nicht verstanden werde. Der Grund für das Urteil sei schliesslich ein politischer gewesen. Denn Jesus werde vorgeworfen, das Volk aufzuwiegeln, weil er dem Volk angeblich verbiete, dem Kaiser Steuern zu zahlen und sich zum Messias-König gemacht habe. Die Auferstehungsszene im Film, in der Jesus bei Sonnenstrahlen leibhaftig aus dem Grab hinausgeht, hält Gnilka für nicht gelungen. Der Neutestamentler: "Damit wird die Vorstellung erweckt, dass er in das irdische Leben zurückgekehrt sei. Und die ist falsch".

"Frohe Botschaft kommt zu kurz"

Theologische Mängel in Mel Gibsons Jesus-Film hat der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick ausgemacht. Die Frohe Botschaft von Gott als liebendem Vater, die Jesus verkündet habe und der er auch im Leiden treu geblieben sei, komme in "The Passion" zu kurz, erklärte Schick am 19. März in Bamberg. Sie drohe in Blut, Brutalität und Grausamkeit unterzugehen. Das Leiden Christi dürfe aber "nicht zum Thriller verkommen".

Der Erzbischof erklärte, für den Glauben sei es besser, die Leidensgeschichte in den Evangelien nachzulesen und mit anderen darüber zu sprechen. Das Beten eines Kreuzwegs oder einer Passionsandacht bringe dem Christen oder einem suchenden Nichtchristen mehr als Gibsons Film. Entscheidend sei, dass Jesus Christus aus Liebe zu den Menschen gestorben sei und nicht, wieviel Blut dabei geflossen sei.

© KATHPRESS-Tagesdienst, Wien Nr. 66 Seite 13 19.3.2004

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Antisemitisch, aber auch unchristlich - von Michael Meier uparrowprint druckenemail versenden

Zürich/Schweiz, 27.03.2004 / Tages-Anzeiger

«The Passion of the Christ» aus theologischer Sicht: Der Film verflacht die christliche Botschaft. Die Erlösung bleibt aus – und Jesus am Kreuz hängen

Von Michael Meier

Christliche Requisiten haben in der Kunst von heute wieder ihren festen Platz, zumal das Kreuz. Am Kreuz lässt sich alles Elend, alle Gewalt und Perversion dieser Welt festmachen. Auch in «The Passion of the Christ» hat man das Gefühl, das Kreuz sei für Mel Gibson bloss Vorwand, um seiner Leidens-und Blutbegeisterung freien Lauf zu lassen. Jedenfalls aktualisiert der gläubige Katholik das Leiden Jesu im Medium der Gewalt und huldigt dem Zeitgeist.

Wie bei Schlingensief

Eigentlich ist es in diesem Schmerzenswerk wie im Zürcher Schauspielhaus, wenn der kotverschmierte Christoph Schlingensief in «Attabambi Pornoland» das ganze «Arsenal der Erlösung» – Kreuz, Lamm und Wunde – auffährt und dann verzweifelt, dass Erlösung nicht stattfindet. Auch bei Gibson ist die Erlösung von den Sünden nicht spürbar. Kein göttliches Erbarmen, keine Verklärung Jesu. Das verbietet die Ästhetik unserer Tage. Gibson halbiert das Mysterium und lässt Jesus am Kreuz hängen. Die Auferstehung deutet er in aller Beiläufigkeit nur an. Nicht einmal ein Engel, der darauf verweisen würde.

Man kann das nicht mit dem Realismus des Films entschuldigen. Schliesslich taucht der Teufel, ein bleiches androgynes Wesen, immer wieder auf. In den Evangelien, an denen Gibson Mass nimmt, ist das Kreuz kein Endzustand, sondern Transitus in ein Leben in Fülle, in die Auferstehung hinein. Das Kreuzesgeheimnis Christi ist gerade dieser Umschlagpunkt von der tiefsten Gottesferne zur Herrlichkeit Gottes. Bei Gibson aber bleibt das Kreuz ein Stück Holz, es wird nicht zum Baum des Lebens mit grünen Trieben, wie das die Mystiker beschreiben. Auch sie bezeugen in ihrer inneren Kreuzesnachfolge, wie die «Resignation in der Hölle» in die beseeligende Schau Gottes umschlägt.

Die religiöse Metaphorik zeigt, dass das Mysterium von Kreuz und Auferstehung kein historisch fassbarer Sachverhalt und nur dem Glauben zugänglich ist. Wie alle Fundamentalisten hängt Gibson an den Brutta facta der Geschichte, die den Glauben erst begründen und ihn in den Status des Wissens überhöhen sollen. Darum hat der Film bei den Evangelikalen und Rechtskatholiken so grossen Anklang: Sein Hyperrealismus stillt ihr Bedürfnis, die Glaubensinhalte historisch-sinnlich, in Fleisch und Blut festzumachen. Historische Authentizität soll auch das im Film gesprochene Aramäisch und Latein suggerieren. So aber erzählt er bestenfalls Geschichte und nicht Heilsgeschichte. Der Kirche zufolge gehört das Leiden und Sterben Jesu zum Heilsplan Gottes, ist also nicht zuerst Menschenwerk.

Auf historischer Ebene aber wird die Frage zentral: Wer hat den Sohn Gottes getötet? Für Gibson ist klar: die Juden. In ein günstiges Licht rückt er Pontius Pilatus, den römischen Statthalter in Jerusalem. Der beugt sich bloss dem Druck des höhnenden jüdischen Pöbels und der Hohepriester. Auch Judas belässt Gibson mit den Klischees des jüdischen Verräters behaftet. Im Prinzip aber ist Gibson so antisemitisch wie die Evangelien selber.

Doppelter historischer Boden

Zwar nimmt sich der Regisseur die Freiheit, aus allen vier Evangelien zu schöpfen. Er liest sie aber als historische Berichte und ignoriert, dass sie Glaubenszeugnisse sind, mit einem doppelten historischen Boden. Die historische Bibelkritik hat längst nachgewiesen, dass der jüdische Anteil am Tod Jesu viel kleiner ist, als im Neuen Testament dargestellt. Die nach Jesu Tod, erst nach dem jüdisch-römischen Krieg und der Zerstörung des Jerusalemer Tempels geschriebenen Evangelien projizieren den Konflikt zwischen Synagoge und der jungen Kirche in die Evangelien. Die Evangelisten wollten es mit der römischen Besatzungsmacht nicht verderben und entlasteten Pilatus. Historisch oblag die letzte Verantwortung für Bluturteile wie Kreuzigungen der Besatzungsmacht. Bibeltreue Christen wie Gibson gehen über die Ergebnisse der historisch-kritischen Methode einfach hinweg.

Ein Film wie «The Passion of the Christ» müsste sie aber zur Kenntnis nehmen, sonst setzt er sich tatsächlich dem Vorwurf des Antisemitismus aus. Dieser wiegt um so schwerer, als Gibson, seinem Vater nach dem Munde redend, den Holocaust wenn nicht leugnet, so doch bagatellisiert. Der Antisemitismus des Films könnte seine begeistertsten Anhänger ins Dilemma stürzen: die Evangelikalen der USA. Die verstehen sich entschieden als Freunde Israels und der Juden, weil sie auf die biblische Verheissung bauen, dass das Heil von den Juden kommt.

© Tages-Anzeiger, Zürich 20.03.2004

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Tote Sprachen - lebendige Bilder - von Charles Martig uparrowprint druckenemail versenden

Zürich/Schweiz, 27.03.2004 / Medienheft

Mel Gibsons "The Passion of the Christ" mystifiziert die religiösen Codes

von Charles Martig

Wegen des Entrüstungsjournalismus im Feuilleton der Leitmedien geriet Mel Gibsons Jesusfilm zunächst unter massiven antisemitischen Verdacht. Auf den deutschen Kinostart hin kam der Vorwurf hinzu, dass er einer "Pornographie der Gewalt" fröne. Die massive Kritik übersieht jedoch, dass der Film von einer tiefen Überzeugung des Regisseurs und Produzenten Mel Gibson getragen ist. Auch wenn dies als politisch nicht korrekt erscheint und in Europa in die Ecke des christlichen Fundamentalismus gestellt wird, ist dem Film eine gewisse Radikalität nicht abzusprechen. Im Verhältnis von toter Sprache und lebendiger Ikonographie zeigt sich, wo das Kraftzentrum des Films liegt: in der Mystifizierung der religiösen Codes.

Filmausschnitt O

Filmausschnitt O

(C) by Icon Entertainment International

Eine grundlegende Entscheidung von Mel Gibson besteht darin, dass sein Jesus die gleiche Sprache spricht wie der historische Jesus vor rund 2000 Jahren. Diese Sprache ist Aramäisch, eine alte semitische Sprache, die mit dem Hebräischen verwandt ist und von der Sprachwissenschaft als "tote Sprache" klassifiziert wird. Aramäisch gibt es jedoch heute noch im Nahen Osten, wo es von einigen wenigen Menschen in Dialekt gesprochen wird. Im 8. Jahrhundert vor Christus wurde die Sprache von Ägypten bis Hinterasien und Pakistan gesprochen. Es war die Hauptsprache im Grossreich der Assyrer, in Babylon und später auch im Reich der Chaldäer und in Mesopotamien. Auch in Palästina war Aramäisch verbreitet und verdrängte das Hebräische als wichtigste Sprache im Zeitraum zwischen 721 und 500 vor Christus. Viele jüdische Gesetze wurden in Aramäisch entworfen und übermittelt. In Erziehung und Handel hatte sie eine zentrale Stellung, vergleichbar mit dem heutigen Stellenwert von Englisch. Aramäisch bildete auch die Grundlage für den Talmud. Es wird angenommen, dass Jesus in West-Aramäisch, dem damaligen Dialekt der Juden, gesprochen und geschrieben hat. Für die Vermittlung von religiösen Ideen hat die Sprache sowohl für Juden wie für Christen eine herausragende Rolle gespielt. Franz Rosenthal charakterisiert diesen Sachverhalt im "Journal of Near Eastern Studies" (1978):

"In my view, the history of Aramaic represents the purest triumph of the human spirit as embodied in language (which is the mind's most direct form of physical expression) over the crude display of material power. (…)The language continued to be powerfully active in the promulgation of spiritual matters. It was the main instrument for the formulation of religious ideas in the Near East, which then spread in all directions all over the world. (…) The monotheistic groups continue to live on today with a religious heritage, much of which found first expression in Aramaic."

Alte Sprachen werden auferweckt

Für Gibson spricht, dass er sich für das phonetische Design seines Films an Spezialisten gewandt hat. Pater William Fulco vom Lehrstuhl für Mittelmeer-Studien an der Loyola Marymount University, Los Angeles, übersetzte als Experte für Aramäisch und alte semitische Kulturen das Drehbuch für die jüdischen Charaktere in Aramäisch und für die römischen Charaktere in Vulgärlatein. Er wirkte auch als Dialogcoach auf dem Set. Zudem wurde die Aussprache von heutigen aramäischen Dialekten mit einbezogen, um eine möglichst authentische Akustik zu erzeugen. Beim Latein lehnt sich die Aussprache an die italienische Phonetik an.

Wenn man sich vor Augen hält, dass das ursprüngliche Konzept darin Bestand, den Film nur in diesen alten Sprachen zu zeigen und auf eine Untertitelung zu verzichten, wird klar, welche Ausdruckskraft und Funktion der Sprache im Film zukommt. Dabei gibt es eine Paradoxie in der Wirkung der toten Sprachen: Zum einen sind sie Beweis dafür, dass der Film möglichst nahe an die Lebenswelt um 30 nach Christus herangeht und einen Erlebnisraum schafft, der Authentizität signalisiert. Gegenläufig dazu ist der Effekt, dass 99 Prozent des Publikums die gesprochenen Sprachen im Film nicht verstehen und daher nicht kognitiv darauf ansprechen, sondern emotional und assoziativ. Die Kraft des Aramäischen zum verstandesmässigen Ausdruck religiöser Ideen, wie dies Rosenthal beschrieben hat, wird hier umgekehrt. Das Aramäische leistet hier vor allem einen Beitrag zur Entwicklung einer mystischen Aura rund um die Christusfigur. Dabei ist der Effekt vergleichbar mit der Verwendung von "Elbisch" in der Trilogie "Lord of the Rings" von Peter Jackson. Die Sprache der Elben dient der Charakterisierung einer Figurengruppe, die eigentlich nicht von dieser Welt ist. Vor dem Hintergrund dieses populären Mythos wäre auch der Aramäisch sprechende Jesus in Gibsons Film zu verstehen, der mit seiner Sprache für das heutige Publikum bereits weit entrückt erscheint. Mit den Augen eines "Lord of the Ring"-Fans gesehen ist er eigentlich mehr ein Fabelwesen als eine historische Gestalt.

Mystifizierende und archaisierende Wirkung

Gibson nutzt die Spannung von Authentizität und Entrückung. Ihm geht es darum, seinen Christus in die authentische Zeit zu versetzen. Gleichzeitig betont er die göttliche Seite der Hauptfigur und dessen übermenschliche Leidensmöglichkeit derart stark, dass er wahrscheinlich in den Auseinandersetzungen des 3. und 4. Jahrhunderts nach Christus, in der es um das Verhältnis der menschlichen und göttlichen Natur Jesu Christi ging - als Anhänger einer Irrlehre beurteilt worden wäre. Entgegen dem Diktum einer grossen Zahl von Filmkritikern, die die Verwendung der alten Sprachen als einen Anspruch auf Authentizität lesen, ist die hauptsächliche Wirkung des Aramäischen vor allem die Mystifizierung und Archaisierung der Kreuzigungsgeschichte. Nicht die verstandesmässige Auseinandersetzung ist hier gefragt, sondern das emotionale Erlebnis des Leidens als ein grosses Geheimnis. Die aramäische und lateinische Sprache werden hier also zum Code für ein religiöses Identitätsmodell. Dieses Modell postuliert, dass christlicher Glaube nicht auf dem Verstand, sondern auf dem "Mysterium Corpus Christi" beruhe. Das Mysterium besteht darin, dass sich eine Glaubensgemeinschaft mit dem Leib von Christus - und damit auch mit seinem Leidensweg - identifiziert. Religiös ist diese Hinwendung zum Heiligen als Mysterium darum, weil es einen direkten Bezug zu einem transzendenten, die erfahrbare Welt übersteigenden Horizont eröffnet.

Die Hinwendung zum Heiligen als Mysterium ist aber auch eine Rückbindung an archaische Opfermechanismen, wie sie René Girard in "Das Heilige und die Gewalt" (1987) beschrieben hat. Der Sündenbockmechanismus, der darauf beruht, dass ein unschuldiges Opfer getötet wird und daraufhin durch die Wirkung des Mythos als heilig erscheint, trifft auch auf das "Evangelium nach Mel Gibson" zu. Die Faszination für das Blutopfer ist im filmischen Blick und in der Perspektive des Erzählers so stark, dass der Hyperrealismus der Gewalt, die Zerstörung des Körpers und das Ausfliessen des Blutes aus seiner Sicht logisch erscheint. Mit Girard wäre nun aber dem Film entgegen zu halten, dass er die Leidensgeschichte der Hauptfigur überhöht und den Gewaltmechanismus, der dahinter liegt, verschleiert. Tatsächlich ist es so, dass die römische Ordnungsmacht die Tötung durchgeführt und durch ihre Hegemonie in Judäa auch verursacht hat. Im Film erscheint jedoch der römische Statthalter Pontius Pilatus als ein besonnener Regent, der dem Volk und dem agitierenden Hohepriester Kaiphas nachgibt und das Todesurteil gezwungenermassen spricht. Gibson hat hier unreflektiert die Sichtweise der Evangelien übernommen und zugespitzt. Der Antisemitismus-Vorwurf scheint hier also gerechtfertigt. Gibson bewegt sich als Regisseur und gläubiger Christ in einem Verblendungszusammenhang, der ihn blind macht für die Gefahren der Mystifizierung. Viel nachhaltiger wirkt darüber hinaus die Archaisierung des filmischen Sprachkonzeptes. Mit der Anknüpfung an das Aramäische und Lateinische fällt die Rückbindung des christlichen Glaubens an den Verstand aus. Was Gibson zeigt ist nicht mehr rational nachvollziehbar, sondern nur mehr als "Geheimnis des Glaubens" erlebbar, quasi im archaischen Urzustand unmittelbar zugänglich.

Ikonographische Spurensuche

Bilder von Christus am Kreuz, die explizit das Leiden thematisieren, gehen bis ins Spätmittelalter zurück. Und schon damals spielte die Blutmystik eine zentrale Rolle. Als Beispiel hierfür kann die Kreuzigungsdarstellung des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald gelten, der zwischen 1505 und 1516 für das Antoniterkloster in Isenheim geschaffen wurde und heute im Museum Unter den Linden in Colmar zu sehen ist. Hier ist der Ausdruck des Leidens am Kreuz gesteigert zum Blutstrom, der an den Füssen Christi herunterfliesst. Zusammen mit dem Reliquienkult hat sich die Blutmystik bis in den Barock hinein in der katholischen Volksreligiosität lebendig erhalten. In den Passionsspielen - aus heutiger Sicht gross angelegte religiöse Events, die der "propaganda fide", d.h. der Bekanntmachung des Glaubens dienten - wurden die Bilder des blutüberströmten Christus weiter tradiert. Im deutschen Sprachraum hatten vor allem die Ober­ammergauer Passionsspiele eine nachhaltige Wirkung auf die Lebendigkeit der Blut-Ikonographie. Im Mittelmeerraum hat sich die Tradition des Passionsspiels und ihre Bilderwelt bis heute erhalten. Aber auch in der Hochkultur wurden Bilder der Kreuzigungsqual gepflegt, wofür die berühmte Bach-Kantate "Oh Haupt voll Blut und Wunden" ein Zeugnis ist. Wenn Kardinal Joseph Ratzinger in einem Vorabdruck seiner ästhetisch-theologischen Publikation "Verwundet vom Pfeil der Schönheit" (2004) argumentiert, dass zum erlösenden Bild Christi das entstellte Antlitz des Gekreuzigten gehört, weiss er sich einer Tradition verpflichtet:

"Schönheit verwundet, aber gerade so erweckt sie den Menschen zu seiner höchsten Bestimmung. Mir bleibt unvergessen das Bach-Konzert, das nach dem Tod von Karl Richter Leonhard Bernstein in München dirigiert hat. Ich sass neben dem evangelischen Landesbischof Hanselmann. Als der letzte Ton einer der grossen Kantaten des Thomas-Kantors triumphal verklungen war, schauten wir uns spontan an und sagten ebenso spontan zueinander. 'Wer das gehört hat, weiss, dass der Glaube wahr ist.' In dieser Musik war eine so unerhörte Kraft anwesender Wirklichkeit vernehmbar geworden, dass man nicht mehr durch Schlussfolgerung, sondern durch Erschütterung wusste, dass dies nicht aus dem Leeren stammen konnte, sondern nur geboren werden konnte durch die Kraft von Wahrheit, die in der Inspiration des Komponisten sich gegenwärtig setzt." (Die Welt, 18.3.2004).

Mit dieser Argumentation wären im Grunde auch die radikalen Bilder des Leidens Jesu in Gibsons Film zu rechtfertigen. Nicht Kardinal Ratzinger selbst, sondern der Vorsitzende des päpstlichen Rates für soziale Kommunikation, Erzbischof Patrick Foley, hat dies in Fernsehinterviews getan, indem er den Film als exemplarisch lobte und ihn als Meditation des Leidensweges Christi empfahl. Für Aussenstehende, die weder die Tradition der Blutmystik noch die Volksreligiosität der Passionsspiele kennen, mag diese Argumentation abwegig klingen. Genau diese Bildtradition greift aber Gibson auf und reanimiert sie.

Das wahre Bild?

Die archaische Kraft, die von der Blutmetapher ausgeht verbindet sich mit der mystifizierenden Qualität des Aramäischen und Lateinischen. Mit dem Hyperrealismus der Gewalt nimmt die Kraft der Bilder noch zu, denn dieses Stilmittel transportiert den Anspruch auf Authentizität: Es geht darum zu zeigen, wie sich eine Kreuzigung im Judäa des ersten Jahrhunderts nach Christus wirklich abgespielt hat. Der Diskurs der Mystifizierung verschränkt sich mit dem Diskurs der Authentizität und darüber hinaus mit einem Wahrheitsanspruch: "So ist es wirklich gewesen!" Dies korrespondiert mit dem von der Produktionsfirma Icon in Umlauf gebrachten Wort des Papstes "It is as it was".

Wenn man das Christusbild Gibsons im Kontext der Jesusfilme analysiert fällt auf, dass er sich stark an Martin Scorseses "The Last Temptation of Christ" anlehnt. Die Christusfigur am Kreuz orientiert sich an derselben Ikonographie des blutüberströmten Hauptes unter der Dornenkrone. Entsprechend ist auch die Einbettung in ein Umfeld, das stark von braunen und ockerfarbenen Tönen gesättigt ist und vielfach auch mit der Lichtgebung sehr zurückhaltend umgeht - der so genannte "low key". Scorsese zeigt das Pessah-Fest als ein sinnliches, auf das Blut als Lebenssymbol orientiertes religiöses Ereignis, das sich schlussendlich im Schicksal von Jesus in die Kreuzigung wendet. Gibson geht ebenfalls von dieser Blutsymbolik aus, verwendet sie jedoch - und hier trennen sich die Wege - im Sinne der spätmittelalterlichen Blutmystik. Der entscheidende Unterschied liegt wohl in der Erzählperspektive. Martin Scorsese war sich bewusst, dass er eine fiktive Geschichte erzählt und hat die hypothetische Frage in den Raum gestellt, was geschehen wäre, wenn Jesus nicht am Kreuz gestorben wäre. Seine narrative und ästhetische Versuchsanordnung wurde von vielen christlichen Kirchen missverstanden und heftig kritisiert. Scorses Leistung besteht jedoch in seiner kritischen Verwendung von ikonographischen Traditionen in einer Literaturadaptation. Bei Gibson ist gerade die umgekehrte Herangehensweise sichtbar. Er übernimmt die Evangelien unreflektiert, erschliesst daraus einen fiktiven Sammeltext für sein Drehbuch und gibt vor, dass dieser authentisch die Geschichte der Kreuzigung Jesu wiedergibt. Die Blutsymbolik funktioniert als Zeichen zwischen Bild und Bedeutung. Semiotisch könnte man von einer Gleichsetzung zwischen der heilsgeschichtlichen Bedeutung des Blutes, das für alle Menschen vergossen wird zur Vergebung der Sünden, und dem Bild des strömenden Blutes gesprochen werden. Diese Gleichsetzung untermauert den Anspruch der Bilder auf Authentizität. Allerdings lässt dieser Anspruch keinen kritischen Diskurs über die Bilder zu. Dies erklärt, wieso der Film in der Öffentlichkeit bipolar diskutiert wird. Es gibt in dieser Verwendung von Bild und Sprache kein "sowohl als auch", keinen Konjunktiv und keine selbstkritische Distanz. Dieses Selbstverständnis des Regisseurs und der zahlreichen Zuschauer, die sich mit diesem Christusbild identifizieren, müsste der Angelpunkt der Kritik sein. Die Vorwürfe des Antisemitismus und der Brutalität der Gewaltdarstellung erscheinen vor diesem Hintergrund als Nebenschauplätze.

Charles Martig ist Geschäftsführer Katholischer Mediendienst, Filmpublizist und Mitherausgeber des Medienhefts.

Links:

Offizielle Website zu "The Passion of the Christ" (mit Pressematerialien der Filmverleiher):
http://www.passion.film.de/splash.htm

Portal kath.ch: Artikelsammlung zu "The Passion of the Christ":
http://www.kath.ch/aktuell_suche.php?suchstring=gibson%20passion

Martig, Charles: Dossier "Jesus Christus - Filmstar", mit Beiträgen von Thomas Binotto, Matthias Loretan, u.a. Zürich 1998-2004: http://www.kath.ch/film/jesus/default.htm

Isenheimer Altar: Bild der Kreuzigung von Matthias Grünewald, 1506-1515:
http://home.t-online.de/home/chartres/mathis.html

Literatur:

Everschor, Franz (2004): Keine frohe Botschaft. Mel Gibsons "The Passion of the Christ" sorgt in Amerika für Aufregung. In: film-dienst 6 / 2004: www.filmdienst.de

Everschor, Franz (2003): Passion auf Aramäisch. Frühe Diskussion über Mel Gibsons Christus-Film "The Passion". In: Medienheft, 14.7.2003:
http://www.medienheft.ch/kritik/bibliothek/k20_EverschorFranz.html

Girard, René (1987): Das Heilige und die Gewalt. Aus dem Französischen von E. Mainberger-Ruh. Zürich.

Hasenberg, Peter (2004): Die Passion Christi. In: film-dienst 6 / 2004: www.filmdienst.de

Jessen, Jens (2004): Keine Gnade. Nur Blut, Schmerzen und Hass: Mel Gibsons unchristlicher Christus-Film. In: Die Zeit, 4.3.2004.

Martig, Charles (2004): Liebe, Blut, Glaube. In: Blick, 6.3.2004:
http://www.kath.ch/aktuell_detail.php?meid=26185

Ratzinger, Joseph (2001): Die verwundete Schönheit. Zum erlösenden Bild Christi gehört das entstellte Antlitz des Gekreuzigten. In: Die Welt, 18.3.2004.

Rosenthal, Franz (1978): Aramaic Studies During the Past Thirty Years. In: The Journal of Near East Studies. Chicago, S. 81f.

Schithals, Walter (2004): Gewaltverherrlichung ist der Bibel fremd. In: Die Zeit, 25.3.2004.

Zwick, Reinhold / Huber, Otto (1999) (Hrsg.): Von Oberammergau nach Hollywood - Wege der Darstellung Jesu im Film. Köln.

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© Medienheft. Katholischer Mediendienst und Reformierte Medien

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Immer billiger – im Namen des Herrn - von Michael Lenz uparrowprint druckenemail versenden

Zürich/Schweiz, 28.03.2004 / SonntagsZeitung

Der Handel mit Religionszubehör bekommt durch den Film «The Passion of the Christ» neuen Schwung

Kaffeebecher mit aramäischen Schriftzeichen, der Gekreuzigte als Anstecker, Missionskarten mit Texten wie «Warum Christus für dich gestorben ist» oder gerahmte Christus-Kunst sind nur einige der Merchandisingprodukte, die Mel Gibson zu seinem umstrittenen Jesus-Film «The Passion of Christ» feilbietet. Natürlich fehlen in der von Mad Max lizenzierten «Passion»-Produktpalette auch nicht das obligatorische Buch zum Film, die CD mit Soundtrack (Hammerschläge?) noch das Kreuzigungs-T-Shirt.

VON MICHAEL LENZ

Nicht nur habe der Film für «Furore von religiösem Ausmass gesorgt», schrieb die australische Tageszeitung «The Sydney Morning Herald» nach dem Kinostart down under am Aschermittwoch, sondern «auch das Merchandising zu neuen Extremen geführt».

Wie wahr. Extremster Religionskitsch ist der Kreuzigungsnagel, der auf der offiziellen Webseite «Am Leiden Christi teilhaben» (sharethepassionofchrist.com) von Gibsons Produktionsfirma Icon gleich in zwei Kategorien angeboten wird. Der Nagel zum Film kommt in der Abteilung Schmuck als Halsanhänger am schlichten Lederband daher. Kosten für die grosse Ausführung: 16.99 US-Dollar (21.50 Franken). Die «grosse Bibeltasche aus Leder» mit einem Nagel als Reissverschlusszipper ist für stolze 59.99 US-Dollar (75.70 Franken unter der Rubrik «Geschenke» zu finden.

In Australien überlässt Icon den Vertrieb der Produkte als «grossartige Weise, das Evangelium zu erleben», der Religionszubehör-Ladenkette Koorong. Ob Nagel, Kaffeebecher oder Bekenntniskarten zum österlichen Renner werden, ist noch nicht ausgemacht. Die Produkte seien erst seit Mitte März in den elf Filialen sowie dem Internetshop des Unternehmens erhältlich, sagte ein Koorong-Sprecher.

In trauter Zusammenarbeit mit Mel Gibson hat sich auch die australische Bibelgesellschaft auf Missionstour begeben. An den normalen Kinobesucher verteilen die professionellen Verbreiter von Gottes Wort über die Kinokassen ein achtseiti ges «Souvenirprogramm». Eine CD-ROM mit den «besten Missionsideen» wurde bereits vor dem Start des Films «Passion» kostenlos an 9000 Kirchengemeinden verschickt. Für leer ausgegangene Gemeinden steht das Bekehrungshandbuch in digitaler Form auf der Webseite der Gesellschaft bereit.

Mit der Bibelrubbelkarte soll Farbe ins Bibellesen gebracht werden

Kreuzigungsfans in der Schweiz können ihre Leidenschaft für Passionswaren nur über die internationale Webseite des Films befriedigen. «Wir als Filmverleiher haben keinen Vertrag für diese Artikel abgeschlossen», sagt Nicole Bachmann, Sprecherin der Verleihfirma Ascot-Elite. Auf einschlägigen christlichen Webseiten aus der Schweiz sind Nagel und Kaffeetassen aus Gibsons Katalog auch nicht zu finden. «Wir vertreiben keine Produkte zum Film und haben auch keinen Bezug dazu», sagt Beat Baumann, Geschäftsführer des Vereins Livenet aus Interlaken, der für das christliche Internetportal jesus.ch verantwortlich zeichnet. Motto: «Mit Gott ins Netz». Baumann fügt hinzu: «Wir stehen dem Film eher kritisch gegenüber. Eigentlich ist es ein Brutalo und wirft ein einseitiges Bild auf die wirklichen Geschehnisse.» Deshalb habe Livenet auch eine Infoseite zum Film (www.passion.jesus.ch) ins Netz gestellt.

Gleichwohl sind die Vermarkter der Frohen Botschaft im christlichen Cyberspace selig über den «Passion»-Wirbel und hoffen, neue Kunden für ihre Devotionalien zu finden. Die Schweizer Nonprofit-Organisation BV Media in Pfäffikon will mit der «neuen Bibelrubbelkarte» endlich «Farbe ins Bibellesen bringen» (www.bvmedia.ch). jesus.ch sucht «3450 aufgestellte Partner», die mit 27 Rappen pro Tag oder 100 Franken im Jahr den christlichen Internetservice fördern. Unter den «sieben Gründen, wieso sich Ihre Anmeldung lohnt», führt jesus.ch jedoch kein einziges Argument spiritueller Natur auf. Statt Gotteslohn winken irdische Rabatte auf himmlische Produkte wie dem «grossen Angebot christlicher Musik und Bibelsoftware» oder auf «ausgewählte Reiseangebote».

Was ziehe ich zum Kirchentag an? Diese Frage muss den leidenschaftlichen Christ von heute nicht mehr quälen. Mit Passion-T-Shirt, Nagelschmuck, Schlüsselanhänger mit Kreuz und der Bibel in einer flotten Ledertasche kann er sich selbst im Hochamt sehen lassen. Selig zumal diejenigen, deren Eltern die Jesuslatschen ihrer Hippiezeit aufbewahrt haben. Und dank der Bekenntniskarten lässt sich gar die Tramfahrt zu Gottesdienst oder Christustag zum Kreuzzug gestalten, auf dem noch schnell die eine oder andere verlorene Seele missioniert wird. Halleluja.

(C) SonntagsZeitung, Zürich, 28.03.2004

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Eine einmalige Chance vertan? - von Helmut Matthies uparrowprint druckenemail versenden

Wetzlar/Deutschland, 28.03.2004 / idea

Volkskirchen und Zentralrat warnen zu Unrecht vor Jesus-Film

von Helmut Matthies

Noch vor kurzem klagten die Kirchen erneut und zu Recht, dass es der christliche Glaube immer schwerer habe, gehört zu werden. Mittlerweile herrscht eine völlig neue Situation: Alle Medien beschäftigen sich seit Tagen mit dem zentralen Thema des Christseins: dem Leiden Jesu, das Erlösung von Schuld und die Versöhnung mit Gott bewirkte. Ursache dieser Wende ist der Film von Mel Gibson „Die Passion Christi“.

Über 20 Millionen haben ihn bereits in den USA gesehen, mehr als 200.000 schon in den ersten drei Tagen in Deutschland. Das wäre nicht nur ein Grund zu grosser Dankbarkeit, sondern auch eine enorme Herausforderung, mit allem Einsatz darauf zu reagieren: durch Pastoren und andere Christen vor den Kinos, durch Einladungen zu Nachgesprächen, durch Flugblätter und vieles mehr. Nie gab es in den letzten Jahrzehnten einen so geeigneten Moment zu verdeutlichen, was christlicher Glaube ist, wie jetzt – wenn da nicht die Kirchen wären. Ausgerechnet sie sind durch fatale Stellungnahmen dabei, eine grosse volksmissionarische Möglichkeit zunichte zu machen. So haben der EKD-Ratsvorsitzende, Wolfgang Huber, der Vorsitzende der (katholischen) Bischofskonferenz, Karl Lehmann, und der Präsident des Zentralrates der Juden, Paul Spiegel, gemeinsam vor dem Film faktisch gewarnt. Ihre Argumente:

Das Neue Testament verbieten?

1. Der Film sei zu gewalttätig. – Doch eine Kreuzigung ist nun mal ein schrecklicher, überaus blutiger Tod. Im übrigen müsste man dann auch weite Teile des Alten und einige des Neuen Testamentes verbieten, darunter die Schilderung der Kreuzigung selbst.

2. "Der Film birgt die Gefahr in sich, das Leben Jesu auf die letzten zwölf Stunden zu reduzieren. " Der Streifen heisst „Die Passion Christi“. Damit ist klar, dass das Leben Jesu mehr beinhaltet. Aber ohne diese letzten zwölf Stunden gäbe es weder christlichen Glauben noch Kirche.

3. Es bestehe "die Gefahr, dass der Film im Sinne antisemitischer Propaganda instrumentalisiert werden kann". E s ist merkwürdig, dass seit Jahren ständig vor der Gefahr des Antisemitismus gewarnt wird, es aber ihn in Deutschland weniger gibt als in fast allen Nachbarländern. Die Zahl der Juden hat sich in den letzten 10 Jahren hierzulande sogar verzehnfacht.

Warum diese Warnungen?

Obwohl der Film nun seit Wochen diskutiert wird, hat bisher niemand ihn antijüdisch missbraucht. Im Film ist sogar das Gegenteil der Fall: Mel Gibson stellt Juden positiver dar, als es die Evangelien tun. Er hat – auf Druck hin – sogar die Passage aus dem Matthäus-Evangelium, nach der Juden die Kreuzigung von Pontius Pilatus verlangt und gerufen haben "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!", ohne Übersetzung gelassen. Der Sprecher des Vatikans hat Recht: Wenn dieser Film antisemitisch ist, dann ist es auch das Neue Testament. Wird dann demnächst auch vor ihm gewarnt? Kardinal Lehmann hat jedenfalls mit seiner Stellungnahme den Papst gegen sich, von dem positive Signale über den Film bekannt wurden. Der EKD-Ratsvorsitzende hat noch nicht einmal seinen Stellvertreter in dieser Frage hinter sich. Der thüringische Bischof Kähler hat den Film ausdrücklich positiv beurteilt. Und Präsident Spiegel hat gegen sich führende Rabbiner in den USA, die erklärten, der Film sei nicht antisemitisch. Laut ersten Umfragen findet jedenfalls die Mehrheit der deutschen Zuschauer den Film gut bis sehr gut. Welch ein Segen, dass sie sich von der "gemeinsamen Stellungnahme" nicht beeindrucken liessen.

Der Autor ist Leiter der Evangelischen Nachrichtenagentur "idea" in Deutschland.

© Evangelische Nachrichtenagentur idea e.V.

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Die Amerikaner fiebern nach Gott von Ferdinand Oertel uparrowprint druckenemail versenden

Bonn/Deutschland, 28.03.2004 / Rheinischer Merkur

von Ferdinand Oertel

In Amerika ist eine Art Jesusfieber ausgebrochen, das mit Mel Gibsons Film "Die Passion Christi" einen neuen Höchststand erreicht hat. Zuvor hatten schon eine ganze Reihe anderer Kinohits und Bestseller mit religiöser Thematik das Glaubensklima erhitzt und zu heftigen Kontroversen in den Medien geführt, von der "New York Times" und der Boulevardzeitung "USA Today" bis zu den grossen Fernsehsendern. In einem Kommentar der grössten nationalen katholischen Wochenzeitung "Sunday Visitor" heisst es: "Der Radarschirm der amerikanischen Kultur hat ein neues Objekt erfasst: den katholischen Glauben. "Begleitet von „aggressivem Marketing" versuchten einflussreiche Kritiker, der Masse leichtgläubiger Amerikaner das "wahre Christentum" zu erklären, und verfälschten dabei Bibel und Glaubenslehren.

Viele Katholiken sind in ihrem Glauben umso stärker verunsichert, als Jesusdarsteller James Caviezel im katholischen Fernsehsender Eternal World Television Network (EWTN) sagte, der Film sei authentisch nach der Bibel und den Visionen der deutschen stigmatisierten Ordensfrau und Seherin Anna Katharina Emmerick gedreht worden. Bischöfe und Theologen haben Schwierigkeiten, ihren Gläubigen zu erklären, dass es sich bei Emmerick um Privatoffenbarungen handele, die nicht zur Glaubenslehre gehören. Der Erzbischof von Chicago, Francis Kardinal George, vertrat zwar die Ansicht, Gibsons Film könne trotz seines Realismus „zu einem tieferen Verständnis des Dramas der Erlösung führen“, doch viele Katholiken bleiben verunsichert, zumal ihr Glaube schon durch andere Publikationen ins Wanken geriet.

Grosses Aufsehen hatte vor allem der Erfolgsroman "The Da Vinci Code" des Thrillerautors Dan Brown erregt, in dem es als historische Wahrheit dargestellt wird, dass Jesus verheiratet war. Der Roman ist gerade in Deutschland unter dem Titel "Sakrileg" mit einer Startauflage von 100 000 Exemplaren auf den Markt gekommen. Er wird als „historischer“ Thriller angepriesen und muss bereits nachgedruckt werden. Dabei ist sein kriminalistischer Plot leicht als reine Erfindung zu durchschauen. Die Kirche soll jahrhundertelang das Geheimnis gehütet haben, das Leonardo da Vinci auf seinem Gemälde "Das letzte Abendmahl" verschlüsselt dargestellt habe: Die Person neben Christus sei Maria Magdalena, mit der er nicht nur verheiratet war, sondern die nach seinem Tod auch einen Sohn von ihm bekam, dessen Nachkommen in einem Geheimbund lebten und dem "Heiligen Gral" nachjagten, bei Leonardo angeblich im Abendmahlskelch symbolisiert.
Die zweite Verwirrung ging von sensationell aufgemachten Berichten in der "New York Times", der "Washington Post" und Fernsehnachrichten aus, wonach auf einem in Israel gefundenen Grabstein aus dem ersten Jahrhundert die Inschrift stehe: „Sohn des Joseph, Bruder Jesu“. Die säkularen Medien sahen darin die Bestätigung, dass Jesus Geschwister hatte. Wie verunsichert viele Katholiken von solchen Berichten, Romanen und Filmen sind, geht daraus hervor, dass die Themen über Bibelexegese, Geschichtsforschung, Bibelverfilmungen und religiöse Romanhandlungen inzwischen in der katholischen Presse die Berichte über den Pädophilieskandal verdrängt haben.

Allein "America", das Wochenmagazin der Jesuiten, brachte in seinen beiden letzten Heften fünf Artikel zu diesen Themen, und die bekanntesten Glaubensberater der Kirchenpresse, Francis Mannion und John Dietzen, deren Artikel in mehr als 100 Bistumsblättern gedruckt werden, müssen seit Monaten Fragen beantworten, ob Jesus verheiratet war, ob er Geschwister hatte und ob – wie im Da-Vinci-Roman behauptet – die Gottheit Jesu erst von Kaiser Konstantin deklariert worden sei.

Und wenn dann im Fernsehen selbst ernannte Experten die Bibel noch als unglaubhaft bezeichnen, wie in einer Nachrichten-Sondersendung von ABC über "Jesus, Mary and Da Vinci" geschehen, dann entsteht, wie es im "Sunday Visitor" heisst, der Eindruck, dass man nicht alles glauben könne, was die Kirche behauptet. Und davon liessen sich viele Katholiken anstecken, weil sie keine oder nur eine mangelhafte Glaubensunterweisung erhalten hätten: "Das weist auf einen massiven Zusammenbruch der christlichen Katechese hin." Die religiösen Kinohits und Bestseller, so weitere Kommentatoren, füllen ein Vakuum, das Religionslehrer, Eltern und Bischöfe hinterlassen haben.

Die Abteilung für Erziehung in der US-Bischofskonferenz sieht jedoch darin eine Herausforderung für die gegenwärtige Glaubensverkündigung und weist christliche Erzieher auf die Chance hin, die umstrittenen Filme und Bücher als "Anknüpfungspunkt zur Erschliessung des Geheimnisses unseres Glaubens" aufzugreifen.

Die fieberhaften Debatten über die Kinohits und Bestseller mit religiöser Thematik deutet William Fulco von der Jesuitenprovinz Kalifornien jedenfalls als Beweis dafür, dass in der amerikanischen Gesellschaft eine starke, wenn auch meist verdeckte christliche Subkultur vorhanden sei. Die kontroversen Filme und Romane brächten sie zutage und führten dazu, dass in der breiten Öffentlichkeit unerwartet die zentrale Frage diskutiert werde: "Wer ist Jesus? " Und dadurch werde jeder, ob gläubig oder ungläubig, selbst vor die Frage gestellt: "Wer bin ich? "

© Rheinischer Merkur 2004 (Nr. 11; 11.03.2004)

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Nein, die Gewalt erschlägt alles - von Werner Schneider-Quindeau uparrowprint druckenemail versenden

Bonn/Deutschland, 28.03.2004 / Rheinischer Merkur

Nein, die Gewalt erschlägt alles

von Werner Schneider-Quindeau

Ein erbarmungsloser Film erwartet die Besucher von Mel Gibsons „Passion Christi“, ein Faustschlag ins Gesicht oder in die Magengrube. Kein Exzess der Gewalt scheint brutal genug. Der Film schwelgt in blutrünstigen Details, als läge in der Ausgestaltung der Folter und der Erniedrigung eine besondere Lust. Während die Evangelien die Einzelheiten der Passion kaum beschreiben, löst der Film in ekstatischen Darstellungen der Gewalt gegen Jesus Faszination und Schrecken aus.

Für Paulus sind die geschichtlichen Umstände der Gefangennahme und Hinrichtung Jesu nahezu bedeutungslos. Die heilsame Bedeutung des Todes Jesu im Lichte seiner Auferweckung wird umso stärker betont. Wer aber das Evangelium, die lebensbejahende Botschaft von Gottes Reich des Friedens und der Gerechtigkeit, auf die Passion Jesu reduziert, steht in Gefahr, einem Leidens- und Opferkult zu huldigen. Das leere Grab am Ende des Films wirkt wie ein Fremdkörper. Es geht allein um die Zurichtung Jesu zum Opfer.

Karfreitag und Ostern gehören aber zusammen, das Kreuz Jesu und seine Auferweckung von den Toten, damit nicht einerseits eine todesversessene Opfermythologie oder andererseits eine Leid und Tod vergessende Lebensverherrlichung herauskommt. Gibson unterschlägt diesen Zusammenhang.

Die Passionsspiele aller Zeiten wollten durch den Anspruch effektvoller Inszenierung die Emotionen der Menschen erreichen. Auch ein Blick in die Filmgeschichte zeigt, dass die Passion Christi sehr oft dargestellt wurde, weil sie als Erzählung wie als ikonografische Tradition in der westlichen Kultur verwurzelt ist.

Der Sozialwissenschaftler René Girard hat in seinem Werk „Das Heilige und die Gewalt“ die Bedeutung der Opfervorstellung für die Gesellschaft untersucht. Im Opfer, das widerstandslos wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wird, vergewissert sich die Gesellschaft ihres eigenen inneren Zusammenhalts. Durch das Opfer wird Gemeinschaft gestiftet. Ebenso scheint dem Film eine Gemeinschaft stiftende Funktion zuzukommen, die über Faszination und Schrecken auf eine spezifische Parteinahme des Publikums für das unschuldige Opfer zielt, die zu Rachegefühlen führt.

Die Wirkungsforschung im Hinblick auf Darstellungen brutaler Gewalt in Film und Fernsehen hat das Paradox aufgewiesen, dass eine Identifizierung mit dem Opfer zur Erhöhung des Aggressionspotenzials führt. Im Film sind es vor allem die Repräsentanten der Juden und die römischen Schergen, auf die sich die gesteigerte Wut des Publikums richten könnte. Insofern ist der Antijudaismus des Films keine theologische Spitzfindigkeit, sondern durch seine affektive Wirkung besonders perfide, da er durch die Gewaltdarstellung geradezu unbewusst erzeugt wird. Dass Jesus wie seine Jüngerinnen und Jünger Jude ist, wird nebensächlich. Und wenn Maria und Maria Magdalena aus der Erzählung des Passahfestes im Kontext der Gethsemaneszene zitieren („Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen Nächten?“), wird die Heilsgeschichte Israels durch die Heil stiftende Opfergeschichte Jesu ersetzt. An die Stelle der jüdischen Heilserfahrung ist der sich opfernde Christus getreten: Das ist traditioneller christlicher Antijudaismus pur.

Filmausschnitt 2

Filmausschnitt 2

(C) by Icon Entertainment International

Die Passion Christi in der Geschichte des Christentums hat immer wieder eingeladen, sich dieses gewaltige Opfer am eigenen Leib zu vergegenwärtigen. Flagellanten und Asketen, die durch körperliche Züchtigung den Kreuzweg Jesu imitierten, sind sicher die auffälligsten Erscheinungen. Aber durch den Film erfährt die Gewalt eine die Realität übersteigende Anschauung. Insofern ist der Realismus, der dem Publikum durch den Gebrauch der antiken Sprachen Latein und Aramäisch nahe gelegt wird, ein falsches Versprechen. Die Gewalt wird überhöht, sie gewinnt gleichsam einen kultisch-transzendenten Charakter. Die Leinwand wird zur mythischen Projektionsfläche, auf der das Blut und die Wunden, die Spucke und die zerfetzte Haut, das rohe Fleisch und die überdimensionierten Nägel zu einem einzigen Bild des geschlachteten Opfers verschmelzen. Die Steigerung der Gewalt verankert dieses Bild selbst mit aller Gewalt in den Phantasien der Zuschauenden. Durch den missionarischen Anspruch verstärkt, stellt diese Inszenierung eine Überwältigungsstrategie dar, die keine Gnade und kein Erbarmen mit dem Publikum kennt. Insofern ist „Die Passion Christi“ nach meinem Verständnis ein zutiefst antichristlicher Film.

Für Kirche und Theologie stellt sich die Frage, wie dieses Opfer zu verstehen ist: Trägt es zur Überwindung von Gewalt bei, oder führt es durch Visualisierung und Dramatisierung zu deren Steigerung? Viele Passionslieder betonen das Leiden Jesu, indem sie die erlittene Gewalt anschaulich vor Augen führen. Im Unterschied zum Film wird hier aber der Ton der Klage und der Trauer vernehmbar über ein Opfer, das schuldlos Gewalt und Spott, Folter und Tod erleidet. Dieser Ton ist bei Gibson nur mehr am Rande vernehmbar. Allein die Frauen scheinen dafür in klassischer Rollenzuschreibung zuständig zu sein.

Der heroische Schmerzensmann steht dagegen bei ihm ganz im Zentrum. Zwar gibt es im Garten Gethsemane einen Moment des Ringens, der jedoch bereits durch die düstere Atmosphäre in den weltgeschichtlichen Kampf zwischen Gut und Böse eingebettet ist. Jesus ist bereits hier ein körperlich Gezeichneter, der diesen Kampf mit dem Teufel aufnehmen muss. Im Unterschied zu den biblischen Texten erscheint der Teufel in androgyner Gestalt als Phantasmagorie des Bösen während des gesamten Leidensweges Jesu immer wieder, um die universale Bedeutung seines Opfergangs zu versinnbildlichen. In den Juden und den Römern findet Satan seine Handlanger, die im wahrsten Sinne auf Teufel komm raus den Tod Jesu wollen. Während die Evangelien die Auseinandersetzung mit dem grossen Verführer lediglich an den Anfang des Wirkens Jesu legen und ihm dann nur noch einen geringen Raum einräumen, erhält er bei Gibson die Rolle des grossen Gegenspielers.

Die biblische Passionsgeschichte verweigert sich der Phantasie von einem solchen dualistischen Machtkampf. Der Tod Jesu ist im Lichte der Auferstehungsbotschaft und der Verkündigung Jesu das letzte Opfer, mit dem jegliche Opfergeschichte an ihr Ende kommen soll. Nichts Heroisches und nichts Erhabenes hat dieses Opfer, und es bedarf keiner zweistündigen ekstatischen Gewaltphantasien, um das Elend und die Erbärmlichkeit der Kreuzigung zu beschreiben. Jesu Worte in der biblischen Passionsgeschichte verweisen alle über das Kreuz hinaus: auf Gott, auf die Wahrheit, auf den Menschensohn, auf den Messias. Die Heilsbedeutung des Todes Jesu wird nicht dadurch erkannt, dass sein Leiden in einer Gewaltorgie und im Blutrausch überdimensional ausgestaltet wird. Sein Tod steht im Gegenteil für die Überwindung der Gewalt, die durch Hass, Missachtung, Zynismus und Allmachtswahn entsteht. Wer die Nächsten-, ja sogar die Feindesliebe predigt, für den hat die Gewalt ihre Faszination verloren.

Bei Gibson sind es besonders die filmischen Mittel, die seine Lust an der Gewalt demonstrieren: die Nahaufnahmen des zerschlagenen Körpers, die Zeitlupe, um die Qual des Schlags oder den verräterischen Kuss des Judas zu verstärken, und die dramatische Musik, die den körperlichen Schmerz bis in die Ohren klingen lässt. Dass mit Jesu Tod Vergebung, ja sogar Versöhnung und Friede zwischen Gott und Mensch Wirklichkeit wird, weil er unsere Feindschaft gegen Gott überwindet, damit wir unsere gewalttätige Feindschaft untereinander hinter uns lassen können, das wird in diesem Film nicht erkennbar.

Bei aller Kritik bietet der Film jedoch Anlass, sich selbstkritisch über das Verhältnis der christlichen Tradition zur Gewalt und zum Opfer zu besinnen. Denn der eigene Anteil an der Gewaltgeschichte ist nicht gering. Dafür ist Gibsons Film ein erschreckendes Beispiel.

Werner Schneider-Quindeau leitete die Jury des ökumenischen Filmpreises bei der Berlinale.

© Rheinischer Merkur 2004 (Nr. 11; 11.03.2004)

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Mel Gibsons Glaubenszeugnis „Die Passion Christi“ - von Andreas Püttmann uparrowprint druckenemail versenden

Dinslaken/Deutschland, 29.03.2004 /

Filmausschnitt 3

Filmausschnitt 3

(C) by Icon Entertainment International

Mel Gibsons Glaubenszeugnis „Die Passion Christi“

von Andreas Püttmann

Widerrede gegen seine Kritiker aus dem deutschen katholischen Medienmilieu


Dass dieser Film einen Nerv treffen und Aufschreie provozieren würde, mußte jedem Analysten der inländischen Kirchenszene klar sein. Die Leitmedien des deutschen katholischen Juste Milieu eiferten geradezu in teilweise polemischen, den Filminhalt verkürzenden Unwerturteilen. Das Feuilleton des Rheinischen Merkur kam dem Kirchenressort durch die Schlagzeile: „Evangelium mit der Peitsche“ zuvor und geißelte die „blutrünstige Einengung“ der Heiligen Schrift durch ein „Peitschenevangelium“. Dieses sei geeignet, im US-Wahlkampf das „Ablenkungsmanöver“ der Bush-Administration zu flankieren: mit einer Werte-diskussion von den anhaltenden wirtschaftlichen Problemen abzulenken und „die fundamentalistische Basis der Republikaner zu mobilisieren“. Die „simple, aber extrem effektiv bebilderte Blutorgie“ sei ohne Vorläufer wie „Texas-Kettensägenmassaker“ undenkbar und stehe nicht in der Tradition der „biederen religiösen Kostümfilme der 1950er Jahre“. „Verlierer der Debatte“ um „The Passion“ seien die großen jüdischen Organisationen, obwohl Gibson ihretwegen schon einiges Anstößige im Drehbuch gestrichen habe. So wurde aus dem in Aramäisch und Latein gedrehten Film auch die Unterzeile „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25) herausgeschnitten. - „Schade“, befand in der folgenden Christ und Welt-Ausgabe (11.3.) der Washingtoner UPI-Journalist Uwe Siemon-Netto, dass mit diesem Schriftzitat von hoher heilsge-schichtlicher Bedeutung „christliche Theologie der Political Correctness geop-fert“ worden sei: „Wie eine Dusche sprüht die Speerwunde in der rechten Seite Jesu Blut und Wasser auf diejenigen, die unterm Kreuz stehen: ‚Sein Blut kom-me über uns‘ - und wasche uns von der Erbsünde rein. Ein anderes Mittel gibt es nicht“.

Doch wie sollen dieses Bild und seine Deutung in einer Teilkirche verstanden werden, in der selbst Geistliche und Mitglieder kirchlicher Kerngemeinden um die heilstheologischen Begriffe „Erbsünde“, „Sühne“ oder „(Meß-)Opfer“ einen weiten Bogen machen wie die Katze um den heißen Brei? Ganz ungeniert kriti-siert der Filmreferent der Deutschen Bischofskonferenz, Peter Hasenberg (RM vom 11.3., Kirche und Leben vom 14.3.), in der Opferthematik bewege sich der katholische Regisseur „nicht auf der Höhe der theologischen Diskussion“ - als wenn diese diffuse Kategorie und nicht die verbindliche Lehre der Petrusnach-folger und der Konzilien entscheidender Maßstab für den katholischen Glauben sei. Bezeichnenderweise polemisiert noch ein zweiter Artikel auf derselben Seite gegen die „todesversessene Opfermythologie“ und den „Leidens- und Opfer-kult“ des Films. Der Autor, Werner Schneider-Quindeau, ist Leiter der Jury des ökumenischen Filmpreises bei der Berlinale. Man ist sich im kirchlichen Ex-perten-Milieu mal wieder selbstvergewissernd einig. Die Funktionsträger wissen es: Der Kreuzträger wird falsch interpretiert.

Provokation für die „Christianity light“

Genau hier, beim Thema Kreuzesopfer, liegt die Crux der Debatte: Eine weitge-hend selbstsäkularisierte Christenschar ohne Glaubenswissen, die mit der ver-bindlichen Lehre ihrer Kirche nichts mehr anzufangen weiß und Kreuzwegan-dachten, Trauermetten und schmerzhafte Rosenkränze, Mementum Mori und Leidensmystik aus ihrem religiösen Repertoire eleminiert hat, wird natürlich auch eine radikal-realistische Verfilmung der Passion ihres Erlösers nicht ver-stehen und sie kurzschlüssig in den Zeitkontext x-beliebiger Gewaltfilme ein-ordnen. Dass beispielsweise schon in Matthias Grünewalds Altarbildern viel Blut von Jesu genagelten Füßen sprudelt, ist vielen gar nicht aufgefallen oder eben befremdlich „finsteres Mittelalter“. Man wendet sich lieber den leicht ver-mittelbaren, unanstößigen „Schokoladenseiten“ des Glaubens zu: Jesus ist ein guter Freund, der uns alle liebt, eine bessere Welt wollte, die Friedensstifter se-lig pries, für die Armen eintrat, Menschen heilte (natürlich nur „im übertragenen Sinn“!) und schließlich sterben mußte, weil er sich mit den bösen Autoritäten seiner Zeit anlegte. Für eine solche, in Kinderkatechese wie Erwachsenenpasto-ral verbreitete „Frohbotschaft statt Drohbotschaft“ ist das Abhängen von Kruzi-fixen in Klassenzimmern wenig aufregend (Bischöfin Jepsen hält die Krippe eh für das bessere Glaubenssymbol), Gibsons drastischer Passionsfilm aber ein Skandal, eigentlich schon Perversion.

Für den Lutheraner Siemon-Netto entscheidet der schon jetzt absehbare Erfolg des Films ausgerechnet im calvinistisch geprägten Amerika „die große ikono-klastische Kontroverse der Neuzeit zugunsten der Ikonodulen, also der Katholi-ken, Orthodoxen und Lutheraner, über deren Altären eben nicht das leere Kreuz hängt. Dies ist besonders in den USA wichtig, wo sich Protestanten gern am Kruzifix vorbei zur Auferstehung mogeln und damit eine ‚Christianity light‘ er-fanden, über die H. Richard Niebuhr lästerte: ,Ein Gott ohne Zorn bringt den Menschen ohne Sünde in ein Reich ohne Gericht mittels der Dienste eines Chri-stus ohne Kreuz‘. Dieser Illusion hat Gibson ein Ende gesetzt. Es ist das Ende der homöopathischen Variante der Passion, die das Christentum verludern ließ“. Der Hollywood-Star habe da durchaus zu recht „mit dem Vorschlaghammer draufgehauen“.

Auch an anderen theologischen Botschaften des Films mußte sich, bewußt oder unbewußt, zugegeben oder kaschiert, der schrumpfgläubige Kirchenzeitgeist heftig stoßen. Zum Beispiel an der Figur des Satans (an dessen Existenz 68 Pro-zent der US-Amerikaner und 16 Prozent der Deutschen glauben), einer in meh-reren Schlüsselszenen des Films auftauchenden luminös-androgynen Gestalt: Vom Garten Gethsemane, wo der Versucher eine Schlange auf Jesus (den „zweiten Adam“) losläßt und ihm einflüstert, kein Mensch könne die Schuld der ganzen Welt tragen - Jesus aber zertritt der Schlange den Kopf (1 Mose 3,15) -, über den aufgehetzten Jerusalemer Pöbel und die heuchlerischen Ankläger, die „auf Teufel komm raus“ den Tod Jesu fordern, bis hin zum Passionsende („Va-ter, in Deine Hände befehle ich meinen Geist“), nach dem der Diabolus schrei-end in seine Unterwelt zurück fährt. Ebenso wie er einer teufelsvergessenen Gotteswissenschaft allenfalls noch als „Phantasmagorie des Bösen“ (Schneider-Quindeau) akzeptabel erscheint, vergrätzen auch Jesu „magische“ Heilung des Malchus-Ohres, das unzeitgemäße Motiv des Christus Victor und die Darstel-lung seiner leiblichen Auferstehung historisch-kritisch getrimmte Theologen und Kirchenfunktionäre. Exemplarisch hierfür ist die Kritik der Katholischen Filmkommission an einem „völlig überzogenen Wahrheitsanspruch, die Bibel authentisch wiedergeben zu wollen“ - „obwohl die Bibel doch ein Glaubens-zeugnis und kein Dokumentarbericht ist“ (Hasenberg).

Zeternde Kirchenmedien, uneinige Kirchenführer, Schlange stehendes Kirchenvolk

Doch der Glaubensinstinkt der frommen Teile des Kirchenvolks sowie ein Gut-teil religiös interessierter kirchenfremder oder durch das Protestgeschrei einfach neugierig gewordener Zeitgenossen wird sich dadurch vom Kinobesuch nicht abhalten lassen. Ebenso wenig wie durch den Versuch von sonst nicht sonder-lich auf Rechtgläubigkeit und Romtreue bedachten Kirchenjournalisten, Mel Gibson mit dem Argument madig zu machen, er habe eine „Vatikan-kritische Gesinnung“ und gehöre einer traditionalistischen Splittergruppe an, die „sich von den Lehren der katholischen Kirche losgesagt hat“ (Kirche und Leben vom 14.3.). Während die Münsteraner Kirchenzeitung Bedenken deutscher Bischöfe zu „massiver kirchlicher Kritik“ aufbauschte, berichtete „Die Welt“ (15.3.), Rom begleite Gibsons Werk „mit unverhohlener Sympathie; der Papst gewährte dem Film eine Privataudienz, und aus der Kurie dringen empfehlende bis lobende Stimmen“. „Medienminister“ Erzbischof John Foley und Vatikan-Sprecher Na-varro Valls verteidigten den Film gegen den Vorwurf des Antisemitismus und Kurienkardinal Castrillón Hoyos, Präfekt der Klerus-Kongregation, soll ihn ei-nen „Triumph der Kunst und des Glaubens“ genannt haben.

Währenddessen sahen in den USA in den ersten 12 Tagen schon 30 Millionen Menschen „The Passion“- weit mehr als der Kreis der üblichen Verdächtigen von der „Religiösen Rechten“. Die Startkopienzahl und damit die Zahl der Leinwände, auf denen der Film anlief, verzeichnete mit 4643 fast 1000 Kopien mehr als der bisherige Rekordhalter „Herr der Ringe“ und verwies damit auch das kommerzielle Wunderkind „Harry Potter“ auf den dritten Platz. Die von Gibson persönlich investierten Produktionskosten von rund 25 Millionen Dollar wurden laut Wallstreeet Journal schon am ersten Tag eingespielt und nach einer Woche um 100 Millionen Dollar übertroffen. „Für einen Film, dessen Dialoge in Aramäisch und Latein gedreht sind, überaus außergewöhnlich“, konstatierte Die Tagespost (28.2.).

In Deutschland luden einzelne Bischöfe hauptamtliche Mitarbeiter oder Priester-amtskandidaten zu nicht öffentlichen Vorab-Aufführungen ein, überließen offi-zielle Äußerungen aber zunächst der Bischofskonferenz. Diese ordnete „Die Passion Christi“ in die Kategorie „filmisches Passionsspiel“ ein, welches eine „zentrale Frage des Glaubens“ anspreche; „Mit der drastischen Darstellung der Grausamkeit verkürzt es jedoch auf problematische Weise die Botschaft der Bi-bel“. Daher seien „begleitende Angebote“ zur kritischen Auseinandersetzung notwendig. Der Vorsitzende Kardinal Lehmann wollte Antisemitismus-Vorwürfe - wie von seiten des unvermeidlichen Michel Friedman („Menschen machen Fehler“) - nicht direkt teilen, äußerte aber die Befürchtung: „Die massi-ven Gewaltszenen können vielleicht doch indirekt eine negative Auswirkung auf die Menschen haben, die den Film sehen“, so dass dieser zwar nicht an sich, wohl aber seine Rezeption „antisemitische Unterstützung“ leisten könne - „so Lehmann salomonisch“ (Rheinische Post vom 12.3.). Mit diesem Argument könnte man freilich auch das Evangelium selbst zu einem gefährlichen Text er-klären. Der Hamburger Erzbischof Werner Thissen stellte denn auch klar, der angebliche „Antisemitismus“ werde „nur von außen an den Film herangetragen. Das kommt nicht aus ihm selbst. Ich meine nicht, dass dieser Vorwurf sich aus dem Film rechtfertigen läßt“. In einem Interview der Tagespost (16.3.) zum Ki-nostart verlieh er Gibsons Film das „Gesamt-Prädikat: empfehlenswert“: „Ich habe ihn einfach auf mich wirken lassen - er hat eine enorme Wirkung“.

Der abwegigste Vorwurf: „antisemitisch“

Tatsächlich ist der Vorwurf antijüdischer Motive oder Effekte anhand keiner einzigen Sequenz des Filmes plausibel zu machen. Nicht umsonst „haben viele Synagogengemeinden in den USA Tausende von Kinoplätzen für ,The Passion of the Christ‘ gebucht, so wie sich ihre Mitglieder ja auch nicht scheuen, in einer Nachbarkirche die Matthäus- oder Johannespassion zu hören“, berichtete Uwe Siemon-Netto, und zitierte den Rabbiner Daniel Lapin mit dem Satz: „The Bible Belt is our security belt“. Will sagen: Im „Gürtel“ bibeltreuer Landstriche in den USA seien Juden am sichersten aufgehoben. Wenn der Film eine große religiöse Erweckung in Amerika auslösen werde, sei dies auch aus jüdischer Sicht eine gute Sache. Es gehört schon eine spezifisch deutsche Unentwegtheit und Selbst-suggestion im Aufspüren von „Antisemitismus“ dazu, wenn der Filmreferent der Deutschen Bischofskonferenz die Streichung der Unterzeile mit Mt 27,25 („Sein Blut komme über uns....“) ohne Herausschnitt des aramäischen Sprechzitats so bewertet: „Als ein noch enthaltener Geheimcode könnte sie aber erst recht für antisemitische Kampagnen instrumentalisiert werden“. Dies mutet schon fast paranoid an.

Die Beteiligung der Juden am Prozess und Leidensweg Jesu ist zunächst bibli-sches (und doch wohl auch historisches) Faktum, welches ein schrifttreuer Film nicht unterschlagen kann. „Der Hohe Rat bildet eine Mauer der Ablehnung. Kaiphas wirkt kalt und berechnend“ (Hasenberg). Doch selbst dem besorgten Filmreferenten ist nicht entgangen, dass die Inszenierung „immer wieder Figu-ren hervorhebt, die sich von der allgemeinen Hysterie absetzen“, beginnend mit dem Knecht Malchus, der seine wunderbare Heilung durch den gefangen ge-nommenen Juden schier endlos bestaunt, fortgesetzt durch zwei Mitglieder des Hohen Rates, die vergeblich gegen das regelwidrige Vorgehen der Mehrheit protestieren und einfach zur Seite geräumt werden (ein politologisch exemplari-sches Grundmuster ohne ethnische Spezifizität) bis zu den weinenden Frauen, der schönen, (an-)mutigen Veronika und des zunächst nur widerstrebend helfen-den Simon von Cyrene, dem ein römischer Soldat ein verächtliches „Jude!“ ent-gegenschleudert, als er der Grausamkeit Einhalt gebieten will. Fast alle „Sym-pathieträger“ des Films sind Juden, neben Jesus an erster Stelle seine würdevoll Fassung ausstrahlende, mitleidende Mutter, die als Trägerin der Heilsperspekti-ve die Einzige ist, die versteht, warum ihr Sohn leiden und sterben muß. Sie wird dargestellt von der rumänischen Jüdin Maria Morgenstern, die über ihre Rolle sagte: „Ich danke Gott, dass er mir erlaubte, die Liebe einer starken Mutter für einen starken Sohn darzustellen“.

Alle Negativdarstellungen jüdischer Akteure: der tobende Mob vor Pilatus, die scheinheiligen Intriganten des religiösen Establishments und die verlotterte Hof-gesellschaft des lächerlich auftretenden Königs Herodes stellen unzweifelhaft „volksneutrale“, prototypische sozialpsychologische Dynamiken und Strukturen der Versuchung zum Bösen dar (nach deren Muster übrigens auch antijüdische Progrome funktionierten). Überhaupt ist der ganze Leidensweg Jesu nach Mel Gibson ein erschütterndes, großartig inszeniertes Drama des Ringens zwischen Gut und Böse, Liebe und Haß, Empathie und Ressentiment, Bestialität und Hu-manität. Der Verdacht eines rassistischen Antisemitismus oder religiösen Anti-judaismus ist vollkommen abwegig - und deshalb in den meisten Fällen vermut-lich nur vorgeschoben. Nicht der Film droht antisemitisch instrumentalisiert zu werden, sondern der „Antisemitismus“ wird instrumentalisiert gegen den Film.

Der bedenkenswerteste Vorwurf: „übermäßig grausam“

Letzteres gilt sicher auch für das zweite Hauptargument: Jesu Leiden werde „in einer Gewaltorgie und im Blutrausch überdimensional ausgestaltet“; dabei stehe sein Tod „im Gegenteil für die Überwindung der Gewalt“; die filmischen Mittel Gibsons trügen aber eher zu „deren Steigerung“, zur „Erhöhung des Aggressi-onspotentials“ und zur Entstehung von „Rachegefühlen“ bei. Kurzum: „Die Gewalt erschlägt alles“ (Schneider-Quindeau). Diese Einschätzung steht auch im Vordergrund der kirchlichen Bedenken. Auch Erzbischof Thissen meinte: „Weniger wäre mehr gewesen“, betonte aber zugleich, dass „diese lange, lange Abfolge von Blut und Wunden“ der traditionellen Leidensmystik entspreche: „Es ist also wirklich ,o Haupt voll Blut und Wunden‘, wie es im Lied heißt.“

In der Tat ist die Leidensgeschichte nach Mel Gibson „ein nicht enden wollen-der Weg der Grausamkeiten, an dessen Ende der Körper Jesu so gnadenlos zer-stört ist, dass es keinen Zentimeter ohne Blut und Wunden gibt“ (Hasenberg). Nach der Mißhandlung durch die Knechte des Hohenpriesters wird Jesus in ei-ner schon für den Zuschauer schwer erträglichen Szene von den römischen Henkersknechten ausgepeitscht, bis seine Haut in Fetzen hängt und große Blut-lachen im Hof zurückbleiben. Der Weg zur Hinrichtung des bereits halb tot Ge-marterten ist nochmals eine endlose Reihe von Stürzen und Schlägen, bevor ihm große Nägel durch Hände und Füße getrieben werden und er im aufkommenden Unwetter und Erdbeben vor den Augen seiner Mutter qualvoll am Kreuz stirbt. Dem ihn lästernden, mitgekreuzigten Verbrecher hackt vor der Zerschlagung der Gebeine noch ein Rabe eine Auge aus. Hier, wie auch bei den quälend langen, immer wieder neu aufgenommenen Sequenzen der Geißelung Jesu fragt man sich in der Tat, ob Aussage und Wirkung des Films nicht auch mit weniger phy-sischer Brutalität hätten erreicht werden können. Andererseits: Muß nicht auch dem gefolterten Jesus und den ihm verbundenen Beobachtern die Schreckenss-zene schier endlos vorgekommen sein? Wollte uns der Regisseur bewußt in die-se quälende Länge und ständige Wiederkehr der Peinigung hineinnehmen?

All diese, rein äußerlich einem Horrorfilm nahe kommenden Grausamkeiten als Gibsons „Lust an der Gewalt“ (Schneider-Quindeau) abzutun, ist allzu billig und nicht fair. Der tief gläubige Regisseur hatte andere Motive: „Ich glaube, dass ich die Geschichte so getreu und authentisch wie möglich erzählt habe, dass ich mich voll und ganz an die Evangelien gehalten habe und dass meine Arbeit gut genug ist, um dem Allmächtigen zu gefallen“ (You! Magazin 2/04). Jesu Passion war nach biblischem Zeugnis und historischem Wissen tatsächlich grausam und kann es (darf es vielleicht sogar) daher in einer Darstellung, die das Leiden des Erlösers aufrüttelnd vor Augen führen will, nicht weniger sein. Künstler früherer Jahrhunderte bemühten sich dafür durch Malerei und Musik um möglichst dra-stische Sinneseindrücke. Der Realität suggerierenden oder abbildenden Macht des audiovisuellen Mediums Film gelingt dies heute noch fesselnder durch die weitgehende Aufhebung der betrachtenden Distanz. In einer darstellerisch fast tabulosen Gesellschaft war es nur eine Frage der Zeit, bis die Ausnahme ausge-rechnet der traditionsreichsten Leidensschau unserer Kultur vom sonstigen Trend aufgehoben würde. Wer dies nicht erträgt, kann bei bestimmten Szenen die Augen schließen, Zuflucht zum Gebet nehmen oder sich der Darstellung gar nicht erst aussetzen. Er kann die psychische Last im Fall der „Passion Christi“ aber auch als ein Mit-Leiden mit seinem geschundenen Erlöser und mit den vielen Folteropfern - auch verfolgten Christen - unserer Zeit aushalten und „auf-opfern“.

„Gewalt verherrlichend“ ist der Film schon gar nicht, denn die Qualen Jesu wer-den durch geschickte Filmschnitte immer wieder aus der Perspektive des Entset-zens, der Empörung und des Mitleids gezeigt: durch die Augen seiner Mutter und Maria Magdalenas, des Jüngers, „den Jesus liebte“, wie des reuigen Judas, des Pilatus und seiner Frau, welche die Hinrichtung abzuwenden versuchen. „Gewaltverherrlichung“ kommt da nicht auf, es sei denn bei schwer kranken Seelen. Auch dass im Mitvollzug der Passion des zur „Schlachtbank“ geführten „Lammes Gottes“ Aggressionen und Rachegefühle entstünden, ist mehr akade-misches Hirngespinst als Realität. Wer die Reaktionen in und Aussagen vor dem Filmsaal beobachtet, registriert eher ein andächtig wirkendes Schweigen, Trä-nen, Traurigkeit, Nachdenklichkeit und jene „Zerknirschung“, die in einer Leid verdrängenden und schuldvergessenen Zeit zum raren menschlichen und geistli-chen Gut geworden ist. Unbußfertigen verbürgerlichten Gewohnheitschristen, in deren Kirchen Beichtstühle als leeres Accessoire nur an früheren Glaubensernst erinnern, tut eine Dosis Erschütterung über das Sühneopfer Christi und Zerknir-schung über die eigene Lauheit ganz gut. Da muß man nicht gleich über eine „zutiefst antichristliche“, inszenierte „Überwältigungsstrategie“ (Schneider-Quindeau) lamentieren. Jedes spannende Drama schlägt Zuschauer in seinen Bann, warum sollte dies nicht auch das Drama von Golgatha dürfen? Diese In-szenierung zu dieser Zeit kann zwar durchaus „als Ruf zur Fahne“ (Die Welt) gedeutet werden, aber in einem entgegen gesetzten Sinn als bei den Gotteskrie-gern der Gegenwart: „So sind wir Zeugen zweier großer Fanale des Glaubens, des 11. Septembers, bei dem Attentätern der Himmel versprochen wurde, wenn sie möglichst vielen Ungläubigen Leid zufügten, und der ‚Passion Christi‘, wo ein Mensch größtmöglichen Schmerz erleidet, um alle zu erlösen. Gibson ist ei-ne christliche Antwort auf Atta“ (Hans-Georg Rodek in Die Welt vom 15.3.).

Der bekannte amerikanische Filmkritiker Roger Ebert gibt zu bedenken, „Die Passion Christi“ sei zweifellos der grausamste Film, den er je gesehen habe, aber als ehemaliger Ministrant verstehe er völlig, worauf es Gibson angekommen sei: „Wir Ministranten wurden beim Beten des Kreuzweges dazu angehalten, über das Leiden Christi zu meditieren. Doch für uns war dies nicht unbedingt eine besonders spirituelle Erfahrung. Christus litt, Christus starb, Christus ist von den Toten auferstanden, wir sind erlöst und hoffentlich kommen wir rechtzeitig nach Hause, um das wichtige Basketballspiel von Illinois nicht zu verpassen. Was Gibson mir, zum ersten Mal in meinem Leben geschenkt hat, ist eine auf den Magen schlagende Ahnung dessen, was Christus in der Passion erlitten hat.“ Besser kann man den Sinn der Gibsonschen Drastik nicht einsichtig machen.

Der verräterischste Vorwurf: „mangelnde Tiefe“

Trotzdem meint - nicht nur - die Evangelische Kirche in Deutschland, dem Film fehle „theologische Tiefe“; die gezeigte Brutalität könne daher nicht ausgegli-chen werden (Rheinische Post vom 12.3.). Nun gehört zur Tiefenwirkung eines Films immer auch die Tiefe des geistig-seelischen Resonanzbodens beim Be-trachter. Könnte dies der Grund dafür sein, dass der Film in einem religiöseren Land (77 Prozent der Amerikaner bezeichnen sich als „religiösen Menschen“, 43 Prozent der Deutschen) mit geistlich vitaleren Kirchen auf viel weniger Ab-lehnung stößt als in einem stärker entchristlichten Land mit weitgehend selbst-säkularisierten Kirchen? Die Vermutung liegt schon deshalb nah, weil sich die behauptete Oberflächlichkeit und Verkürzung der christlichen Botschaft anhand etlicher Filmszenen widerlegen läßt.

Zunächst: Gibsons filmisches Passionsspiel enthält kurze Rückblenden in das Leben und Wirken Jesu, wodurch wesentliche christliche Botschaften vermittelt und - was entscheidend ist - in Beziehung zu seiner Leidensgeschichte gesetzt werden: Neben fiktiven Kindheits- und Heimatszenen, in denen der „wahre Mensch“ aufleuchtet, zeigen etwa Ausschnitte der Bergpredigt und von der In-schutznahme der Ehebrecherin (die nun Jesu Kreuzweg begleitet) gegen die Steinigung durch Glaubenseiferer, welchen Lebenswandel in Barmherzigkeit und Demut, Nächstenliebe und Einsatz für das Reich Gottes der Menschensohn verkündete. Besonders eindrucksvoll hat der Regisseur den Opfertod Jesu in den liturgischen Kontext gestellt, in dem er Szenen der Aufrichtung des Kreuzes und des Abendmahls mit der Fußwaschung und dem Brechen des Brotes parallel montierte, so dass Brot und Wein als sein Leib und sein Blut sinnfällig werden.

Leidensweg und Opfertod Jesu werden schon dadurch theologisch korrekt ein-geordnet, dass vor Beginn der Handlung ein Schriftwort aus dem vierten Lied vom Gottesknecht auf der Leinwand erscheint: „Er wurde durchbohrt wegen un-serer Verbrechen, wegen unserer Sünden mißhandelt. Weil die Strafe auf ihm lag, sind wir gerettet, durch seine Wunden sind wir geheilt“ (Jes 53,5). Haben die Kritiker der angeblich allzu „schlichten Botschaft“ dieses Films (RM vom 4.11.) das übersehen? Oder sagt es ihnen nichts? Dann fehlte nicht dem Film, sondern ihnen selbst die spirituelle Tiefe. Bei einer Pressekonferenz in Augs-burg zog Kurien-Erzbischof Foley (gegen den Antisemitismusvorwurf) den theologisch richtigen Schluss: „dass ich selbst mitverantwortlich bin für das Leiden von Jesus Christus“ (Die Tagespost vom 11.3.).

Mangelnden geistlichen Ernst wird man Gibson und seinem Team kaum nach-sagen können. Während der Dreharbeiten in Rom wurde täglich die Heilige Messe gefeiert. Der Regisseur selbst erklärt die Entstehung seines Films so: „Vor zirka 13 Jahren hatte ich eine schwierige Zeit in meinem Leben, und das Betrachten der Leiden Christi, seiner Passion, hat mir geholfen, diese Zeit durchzustehen. (...) Ich bin zu den Wunden Christi gegangen, damit meine eige-nen Wunden geheilt würden. Durch Lesen, Studieren, Betrachten und Beten be-gann ich zu verstehen, was er wirklich durchgemacht hat. Ich begann zu begrei-fen wie noch niemals zuvor, obwohl ich die Geschichte sicherlich schon viele Male gehört hatte. Es war wie eine Geburt: Die Geschichte, die Art und Weise, wie ich Jesu Leiden sah, berührte mich innerlich und begann zu wachsen, bis es schließlich den Punkt erreichte, an dem ich die Geschichte einfach erzählen, sie loswerden mußte (...) Irgendwie hat der Film vieles in mir geheilt. (...) Jeder Mensch muß irgendwann Leiden ertragen. Ob man daraus etwas lernt oder nicht, liegt an uns selbst. Aber es gibt etwas Positives im Leiden, man kann aus dem Leiden etwas Gutes gewinnen“.

Wer die spirituelle Qualität dieses Films beurteilen will, der sollte vielleicht nicht zuerst naserümpfende Kathedertheologen und Medienbürokraten befragen, sondern die Leidenden unter seinen Zuschauern. Wer selbst einen Kreuzweg geht oder gegangen ist, wird wohl sensibler registrieren, dass der (von Jim Ca-viezel ausdrucksstark dargestellte) schon völlig entkräftete Jesus nach einem schmerzhaften Sturz aus eigenem Willen wieder aufsteht, sich wie mit einem inneren „Ja“ unter das Joch beugt und sich fast liebevoll an den schweren Holz-balken schmiegt. Hier wird auch ohne Worte deutlich, dass der Film nicht zei-gen will, wie ein Mensch grauenvoll seines Lebens beraubt wurde, sondern wie der Sohn Gottes sein irdisches Leben aus Liebe hingegeben hat. So kann dieser Film, der auch durch den Titel „Ecce Homo“ („Da, seht den Menschen“ - Joh 19,5) gerechtfertigt werden könnte, zu einem millionenfachen Trost für die Lei-denden und Trauernden werden. Und eine Mahnung für alle, die Abgründe der menschlichen Natur nicht zu übersehen.

Diese „Passion Christi“ hat auch - da sie, wo Herzensbildung ist, zu Herzen geht - die Qualität, zu einem Missionsinstrument zu werden, außerhalb und innerhalb der Kirche. Billy Graham brachte es auf den Punkt: „Gibson erreicht mit einem einzigen Film, wofür ich ein Leben lang predigen muss“. Sicher ist er vorrangig ein Film für laxe Christen, nicht zuletzt für die Geistlichen unter ihnen. Ein Bi-schof, dem man dies wahrlich nicht nachsagen kann, bekannte nach der Vorfüh-rung: „Wenn ich die nächste Heilige Messe feiere und beim Hochheben des Al-lerheiligsten spreche: ,Dies ist mein Leib, für Euch hingegeben ...‘, werde ich das anders tun als zuvor. Und wenn ich den nächsten schmerzhaften Rosenkranz bete, werde ich ganz anders mit den Augen der Mutter in die Augen des Sohnes schauen können“. Schon für die Inspiration einiger weniger hätte sich der große Aufwand gelohnt, meint der mit Kollegenspott und Medienhäme überhäufte Re-gisseur („Peinliche Pein: Mel Gibson missioniert“; RM vom 4.3.). Er trägt es gelassen: „Ich bete für die Menschen, die zornig sind. Ich glaube tatsächlich, dass ihre Vorwürfe falsch sind“. Quod erat demonstrandum.

Dr. Andreas Püttmann, Dinslaken, ist Politikwissenschaftler, Publizist und Referent der Konrad-Adenauer-Stiftung.

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Sieben Fragen an Mel Gibson - von Ruth Lapide uparrowprint druckenemail versenden

Wenn es stimmt, Herr Gibson, dass heutzutage ein Filmerfolg davon abhängt, wie viel Gewalt gezeigt wird – so ist Ihr Jesus-Film ein voller Erfolg. So viel blutige Gewalt, geradezu sadomasochistisch dargestellt, sieht man selten, noch dazu mit einem Heiligenschein versehen. Nach qualvollem Zuschauen stellte sich mir die nagende Frage, was soll das Ganze eigentlich? Als jüdische Theologin, die sich der Versöhnung von Christen und Juden widmet, lassen mich folgende Fragen nicht zur Ruhe kommen:

1. Hat nicht der – christlich verstandene – Gott nach dem Johannesevangelium (Kapitel 3, 16) seinen »eingeborenen Sohn dahingegeben«, um sich mit der Welt zu versöhnen? So sagt es ja auch Paulus im Römerbrief (Kapitel 8, 32). Es handelt sich also um ein geplantes und gewolltes Schicksal des Nazareners. Was eigentlich soll dann das ganze Theater mit Ihrem Film?

2. Jesus selbst hat ganz deutlich von seinem bevorstehenden Tod, ja von seinem stellvertretenden Sühneleiden, gesprochen: »Keiner nimmt mir mein Leben – ich gebe es selbst dahin« (Johannesevangelium, Kapitel 10, 18). Wenn also alles so freiwillig angenommen und vollzogen wurde, warum müssen Sie in Ihrem Film diese gewollte Geschichte mit so viel Blut, Schweiß und Tränen breittreten?

3. Können Sie sich nicht vorstellen, dass Jesus auch hätte in Nazareth bleiben können? Dort wäre er dann friedlich alt geworden, hätte seine Kindeskinder erlebt und wäre ein berühmter Rabbi gewesen. Stattdessen ging er freiwillig in die »Höhle des Löwen Pilatus« nach Jerusalem, um dort zu sterben. Also, was soll’s? Als jüdische Theologin würde ich wünschen, Jesus wäre lieber in seinem Dorf in Galiläa geblieben.

4. Glauben Sie denn, dass Jesus und die beiden Räuber neben ihm die einzigen von Pontius Pilatus gekreuzigten Männer waren? Es ist doch belegt, dass Pilatus während seiner zehnjährigen Statthalterschaft in Judäa 6000 jüdische Männer ans Kreuz schlagen ließ. Erlitten die nicht genau denselben Schmerz wie Jesus?

5. Von Pilatus berichten nicht nur jüdische, sondern auch römische Quellen: Er war einer der grausamsten Statthalter Roms. Überdies lesen wir im Lukasevangelium, dass Pilatus häufig jüdische Pilger hinterlings umbringen ließ – ohne zum Beispiel mit ihnen zuvor über die Frage zu diskutieren: Was ist Wahrheit? Wie kommen Sie also dazu, Pilatus in Ihrem Film geradezu als humanitären Schöngeist, als Mann von sanfter Menschenfreundlichkeit dazustellen? Nach Ihrem Pilatus-Modell könnte dann demnächst wohl auch Adolf Eichmann als geneigter Judenfreund in die Geschichte eingehen? Madame Pilatus erscheint bei Ihnen ja ohnedies als gütige Vorläuferin von Mutter Teresa.

6. Die ganze riesige Kinoleinwand ist minutenlang schwarz von wild herumgestikulierenden, geifernden Priestern und Mitgliedern des Hohen Rates. Warum verheimlichen Sie uns, um Himmels willen, dass Jesus tausende ihm wohlgesonnener Anhänger unter den Pharisäern hatte? Wir lesen zum Beispiel bei Lukas, dass er von Pharisäern vor den Nachstellungen seiner Feinde gewarnt wurde, womit diese Pharisäer sein Leben gerettet haben. Und dies ist kein Einzelfall. Jesus gehörte bekanntlich zu einer der pharisäischen Richtungen und führte, wie die Evangelien immer wieder zeigen, viele Religionsgespräche mit seinen Kollegen. Mit den Angehörigen der rund vierzig Familien der sadduzäischen Priester-Hierarchien lagen sie alle zusammen im Clinch und führten heftige Streitgespräche.

7. Wieso haben Sie all das Schöne und Gute (das der Rabbi Jesus im Grunde nur seinem eigenen Volk verkündete) unter den theologischen Teppich gekehrt? Selbst die Auferstehung kommt im Film nur so nebenbei vor, abstrakt und ohne Zeugen. Ist sie nicht wichtiger als die ganze »Viecherei« der Kreuzigung? Schließlich stammt die Auferweckungshoffnung als solche, wie so vieles weitere christliche Glaubensgut, aus jüdischem Wurzelgrund. Nach dem Erfolg diese Films stellt sich die Frage nach einer möglichen Fortsetzung. Wie wäre es mit einem weiteren Gruselthriller: Das letzte Röcheln von Auschwitz?

© Publik-Forum, Nr. 7 (09.04.2004), Publik-Forum, Postfach 2010, D-61410 Oberursel

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Passion: Orgie nach Übernüchterung - von Arnd Brummer uparrowprint druckenemail versenden

PASSION: Orgie nach Übernüchterung

von Arnd Brummer

Mel Gibsons Passionsgemetzel zeigt weder, was in Jerusalem vor rund 1970 Jahren wirklich geschah, noch vermittelt es Einblicke in den Kern der christlichen Botschaft.

Eigentlich ist der gigantische Kassenerfolg von Mel Gibsons Kinofilm „The Passion of Christ“ nichts anderes als das größte Missverständnis der Filmgeschichte. Auf persönliches Risiko hatte Hollywoodstar Gibson, Angehöriger einer fundamentalistischen Randbewegung des Katholizismus, sein Leinwandspektakel finanziert, das mit einem Produktionsbudget von 25 Millionen Dollar eine eher billige Angelegenheit blieb. Darüber hinaus wollte sich der Held zahlreicher Action-Spielfilme auf keinen Fall den vermuteten Wünschen eines Massenpublikums beugen.

Ob „Die Passion“ ein Publikumshit würde, interessierte den frommen Gewaltdarsteller nicht die Bohne – ja, er tat alles dafür, seine Version der Kreuzigung Christi sperrig auf die Leinwand zu bringen. Gibson engagierte mit Ausnahme von Monica Belucci (Maria Magdalena) keinen Star des eigenen Kalibers. Seine Darsteller reden Aramäisch oder süditalienisch gefärbtes, historisches Latein. Und Jesus spricht ausschließlich Text, den die vier Evangelien überliefern. Dass sein Streifen der frömmste Horrorfilm aller Zeiten werden würde, eine Orgie in Kunstblut, ein streng gläubiges Schlachtfest, vervollständigt nur die Liste der Publikumsbarrieren für das zu erwartende Resultat: Kassengift, Ladenhüter – Prädikat: nicht vorzeigbar.

Mel Gibson, siebenfacher Vater und durch die Bekehrung zum Glauben von der Trunksucht genesen, wollte nur eines: Jesus, dem Heiland, mit seinen Mitteln nahe kommen, ihm mit seiner persönlichen Version der Ereignisse vor 1970 Jahren in Jerusalem die Referenz erweisen. Möglicherweise hat er ein Gelübde erfüllt. Dass inzwischen Millionen Amerikaner und hunderttausende Deutsche dem bigotten Gemetzel zugelaufen sind, wird ihn zunächst überrascht, dann aber doch gefreut haben. Denn in Gibsons schlichter Glaubenswelt ist der Massenkonsum fast ein Wunder und deshalb ein Hinweis auf die Gott-Gefälligkeit des Werkes.

Zur Deutung der Wirklichkeit des christlichen Glaubens trägt der Film wenig bis nichts bei. In seinem redlichen Ansinnen, den laschen Christen an der Schwelle des 21. Jahrhunderts einen Eindruck vom wirklichen Leiden Christi aufzuzwingen, geht sich der Regisseur selbst in die Falle. Sein Versuch, die Kinobesucher der Gegenwart auf die Zeitreise nach Jerusalem zu schicken, endet in einem gewöhnlichen Historienfilm von ungewöhnlicher Blutfeuchte.

Anstatt Jesus von Nazareth in die Gegenwart unseres Lebens zu bringen, schließt er ihn ein in einer sado-masochistischen Museumskammer. Er schleppt Jesus an einen archaischen, abgeschlossenen Ort, wo römische Legionäre die Geißel in sein Fleisch schmatzen lassen. Gibson entrückt ihn, legt den Menschensohn in eine Blutlösung – Fleisch und Blut ohne Glaube, Hoffnung und Liebe, ohne Weg und Wahrheit, ohne Auferstehung und ewiges Leben (die Auferstehung ist als liebloser 1,30-Spot ans Ende geklatscht).

Dieser Jesus stirbt nicht unseren Tod. Die Blutdusche und die Reduktion auf die vermeintliche Historie rücken den Erlöser in die Ferne: Ein netter Kerl eben, den sie auf grausamste Weise abschlachten – und keiner weiß so recht, warum eigentlich?

Gründonnerstag, Karfreitag, Ostern werden sich wieder tausende von Pastorinnen und Pfarrern mühen, Jesus für uns Zeitgenossen greifbar, erfahrbar, im wahrsten Sinne des Wortes anrührend zu machen, den Bruder und Herrn in unsere Gesellschaft zu holen. Dann erst wird die unglaubliche Zumutung seines Gebotes der Gottes- und Menschenliebe um jeden Preis (auch den des eigenen Todes) spürbar.

Leiden, Tod, vor allem aber die Auferstehung Christi, die Überwindung des Todes befreit uns nach christlichem Glauben von dem trostlosen und grausamen Trugschluss, dass der Mensch im Töten absolute Gewalt über den Menschen habe und der Tod das letzte Wort über sein Schicksal sprechen könne. Zu jeder Zeit und überall wo Menschen gedemütigt und erniedrigt, ermordet und hingerichtet werden, ist Jesu Kreuz gegenwärtig. Jesus stirbt in klinisch sterilen Hinrichtungskammern in Texas, er wird mit irakischen oder israelischen Zivilisten in die Luft gesprengt, sein Kreuz ist das der nigerianischen Ehebrecherin, die zu Tode gesteinigt wird.
Jesu Kreuzigung hat sich tatsächlich ereignet, dennoch ist sie für den Glauben weit mehr als ein historisches Ereignis. Mit der Auferstehung wächst sie über historische Dimensionen und Begriffe hinaus. „Das Kreuz, auf das der Menschensohn genagelt wurde, um zu sterben“, schreibt der Philosoph Peter Strasser in seinem „Journal der letzten Dinge“, „hat keinen Platz innerhalb der Geschichte. Jesu Passion ist weder moralisch, noch historisch.“ Es ist wichtiger, das Kreuz zu begreifen, als es anfassen zu können.

Mel Gibson hat „Die Passion Christi“ als Historienspektakel in der Tradition von „Der Gladiator“ verfilmt. Die Blutorgie als Darstellung des tatsächlichen Geschehens rund um Golgatha zu verkaufen kann man als Marketinggag belächeln. Keinesfalls handelt es sich bei dem Film aber um ein Glaubenszeugnis oder wenigstens um eine Verbildlichung der christlichen Botschaft. Der evangelische Theologe Thies Gundlach erkennt in der filmischen Massakrierung Jesu eine „sehr eigenwillige Mischung“ der vier Evangelien mit „eigenwilligen Erweiterungen und der gesammelten Inszenierungskompetenz Hollywoods im Blick auf Gewalt und Brutalität. Direkter, viehischer, auch schamloser ist das Leiden Christi vermutlich nie dargestellt worden, auch nicht in dem an Brutalität nicht eben armen Hochmittelalter oder in der Reformationszeit“, in der das stellvertretende Opfer Jesu für alle Menschen betont wurde.

Mel Gibson stellt seinem Film das Wort des Propheten Jesaja voran: „Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Zumindest für evangelische Christen, wahrscheinlich aber auch für eine große Zahl gläubiger Katholiken ist diese Heilung – die Erlösung – ein Gnadenakt Gottes durch Jesus. Dieser Gnadenakt ist indes nicht abhängig vom Ausmaß des Leidens Jesu und auch nicht von der Menge des vergossenen Blutes. Thies Gundlach: „So viel Gewalt braucht wirklich niemand, um das Erlösungswerk Jesu Christi eindrücklich zu finden. Nicht die Menge der Wunden Christi heilt, sondern die Art der Wunden.“ Es ist die absolute Einsamkeit, von Gott im Augenblick des Todes verlassen zu sein, die Jesus in der Auferstehung überwindet. Gundlach: „Ohne diese Auferstehung als Urknall neuen Lebens ist Jesus ein weiteres, banales, nebensächliches, bei den Römern ständig vorkommendes Kreuzigungsopfer, bei dem letztlich niemand weiß, wie es damals wirklich zugegangen ist.“

Mel Gibson interessieren solche Debatten wenig. Er verfolgte mit seinem düsteren Werk persönliche Ziele. Seine Biografie – Überwindung einer Sucht, Entzug und Hinwendung zu einer strengen Form des Glaubens – gibt Anhaltspunkte. Die nach Entzug eintretende Übernüchterung wird von den Betroffenen als weitgehender Verlust von äußeren Reizen empfunden. Übernüchterte, vermutlich auch Gibson, finden alles nichtig und bedeutungslos, sogar die Erkenntnis selbst, dass alles nichtig und bedeutungslos sei.

Der frisch bekehrte Gibson mag darunter gelitten haben, dass ihm ein stark verweltlichtes, verharmlosendes Allerweltschristentum nicht die starke Dosis Gott anbot, die er sich erhoffte, sondern einen guten, freundlichen, milden, schlimmstenfalls einen abwesenden Gott. Das Empfinden dieser reizarmen, deshalb sündigen und gottesfernen Atmosphäre provozierte den Filmstar zu einem reaktionären Lobpreis des Schmerzes. Damit bedient Gibson zugleich den Durst zahlreicher, ebenfalls reizentwöhnter Zeitgenossen nach Blut, Schweiß und Tränen. Da diese Körpersäfte fast vollständig aus dem aseptischen Alltag verdrängt sind und selbst Kriege als steril und sauber präsentiert werden, liefert die bluttriefende Leinwand den erwünschten Schauder.
Zu besichtigen ist dies im Jesusfilm nicht zum ersten Mal. Schon in seiner Rebellentragödie „Braveheart“ läßt Gibson die Hauptfigur William Wallace (von ihm selbst gespielt) ausgiebig unter Folterqualen mit anschließender Hinrichtung leiden. Der Fundamentalist des Leidens will nicht das religiöse Gespräch, er will die Vernichtung der Skepsis, der Verweltlichung, der aus seiner Sicht nihilistischen Versuchung. Deshalb sucht er die Konfrontation. Niemand soll ausweichen können. Da Gibson kein Kreuzfahrer ist, sondern ein Abkömmling der Hollywood-Industrie, setzt er auf seine Waffen: die Inszenierung einer Blutschwemme, eines Massakers und steigert sich dabei in das Bedeutungsfieber religiöser Militanz.

Mit der christlichen Blutmystik des Hochmittelalters hat der Extremkatholik Gibson nur den Grundstoff des Glaubens gemein. Der Franziskanermönch Bonaventura etwa sah im 14. Jahrhundert in Jesu Wunden die „blutroten Blumen unseres süßen und blühenden Paradieses, über die die Seele wie ein Falter schweben muss, bald an dieser, bald an jener trinkend. Durch die Seitenwunde muss sie bis zum Herzen selbst vordringen.“ Der Dominikaner Heinrich Seuse beschrieb in seinen Devotionen, das ganze rote und warme Blut aller Wunden Christi sei durch seinen Mund in sein Herz und in seine Seele geflossen. Katharina von Siena, einer der großen Heiligen der Kirche, erschien der Auferstandene und ließ sie wie aus der Mutter Brust aus seiner Seitenwunde trinken. Gibsons Vision hat nichts derlei Poetisches an sich. Statt der Erlösung versinkt die Heilsgeschichte in einer Blutlösung. Die Kunstbluthersteller freuen sich über den reichlichen Einsatz ihrer Produkte.

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) kommt zu einem klaren Urteil: Gibsons Film sei nicht empfehlenswert, weil oberflächlich und brutal, „ein grausiges, bluttriefendes Werk, das sich an den Schmerzen des Erlösers weidet“. Auch unter den Katholiken stößt Gibsons Werk überwiegend auf große Skepsis oder klare Ablehnung. Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, meint, das filmische Passionsspiel verkürze „mit der drastischen Darstellung der Grausamkeiten auf problematische Weise die Botschaft der Bibel“. Allein Kardinal John Patrick Foley, Medienbischof des Vatikans, nimmt Gibson gegen den Vorwurf, exzessive Gewalt zu zeigen, in Schutz: „Es ist sicher kein Vergnügen für die Zuschauer. Für Jesus war die übermäßige Gewalt, die er erlitten hat, erst recht kein Vergnügen.“

© chrismon - © Hansisches Druck- und Verlagshaus, 24.03.2004

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Passion: Die Pforten der Kinohölle - von Georg Sesslen uparrowprint druckenemail versenden

Die Leinwandhelden der Nachkriegszeit sahen über ihre Verletzungen hinweg. Die Helden von heute können gar nicht genug bluten. Passionsgeschichten als Mythen der Gegenwart.

Blut auf der Leinwand? Grausame Bilder fand man lange Zeit nicht im Kino, sondern eher – in den biblischen Geschichten der Religionsfibeln. Das Kino war noch in den fünfziger Jahren der Ort, an dem Helden das Opfer zu vermeiden wussten. Es war dort zwar immer etwas los, aber es kam nie zum Äußersten. Auch wenn in Western ein Böser eins auf die Nase kriegte, in Wahrheit ging es den Cowboys und ihren Freunden mit ihren atemberaubenden Schieß- und Reitkünsten gerade darum, das Blutvergießen zu verhindern. Tarzan tobte seine Wut an Krokodilen aus, Herkules zeigte seine Kräfte durch das fachgerechte Zerlegen von Säulenbauten, und wenn Godzilla eine Weltstadt in Trümmer legte, schien kein einzelner Mensch zu Schaden zu kommen.

Auch als die Filme etwas erwachsener wurden, der Tod wenigstens am Rande vorkam, gab es kaum einmal Blut zu sehen. Unsere Helden wollten den Feind nicht bluten sehen, und sie ignorierten an sich selbst die Wunde: „Ach, das ist nur ein Kratzer.“ Aber sie sahen nicht hin. Und wenn sich Cowboys und Indianer zum Zwecke der Blutsbrüderschaft den Arm aufschnitten, verzogen sie keine Miene. Auch dann sahen sie nicht hin. Nicht hinsehen, das war die Strategie einer Kultur, die nach dem größten Blutvergießen der Menschheit entstanden war. Das ging so bis zu unserem Freund Winnetou, der dann aber doch das letzte Opfer zu bringen hatte: sein Leben.
Das Blut war von der Leinwand so radikal verbannt, dass ein Film wie Georges Franjus „Le Sang des Bêtes“ (1949) wie ein tiefer Kulturschock wirkte. Er zeigte nichts anderes als das, was in einem Schlachthof geschieht. Er zeigte die blutende Kreatur. Es ist schwer vorstellbar, von heute aus gesehen, wo wir den Blick auf blutende Wunden im Kinderprogramm sehen und an Direktübertragungen von Herzoperationen gewöhnt werden, welche emotionale Abwehr diese Bilder damals auslösten. Dieses Blut auf der Leinwand war real und gegenwärtig. Es sprach uns schuldig.

Ziemlich blutig ging es in Alfred Hitchcocks kleinem SchwarzWeiß-Film „Psycho“ (1960) zu, von dem jeder, der ihn sieht, sogleich weiß, dass er mehr ist als ein etwas seelenkranker Thriller um einen mutterfixierten Mörder. Der panische Blick auf das Blut des Opfers wirft unausweichlich die Frage der Schuld auf. Hitchcocks Epigonen versuchten immer wieder diesen Blick zu wiederholen, und etwa bei Brian De Palmas „Dressed to Kill“ (1980) konnte man sich selbst als mittlerweile abgebrühter Filmzuschauer nicht vor dem Schock bewahren: Mit dem Blut aus der Wunde tritt das Böse in der Welt zutage, und mit ihm die verzweifelte Sehnsucht nach Erlösung. Und man ahnt, was eine Heldentat von einem Opfer unterscheidet. Der Held will aufhören, sobald das Blut fließt. Aber das Opfer beginnt da erst.

Zwei Jahrzehnte zuvor hatte allerdings ein großer, absurder Western schon die radikalste Aneignung des Opfergedankens auf der Leinwand vollzogen, ein Film, der bei uns „Leichen pflastern seinen Weg“, im Original viel genauer und poetischer „Il grande silenzio“ (1968) hieß. Die Geschichte eines Mannes, der sich willentlich töten lässt, um zum Zeichen gegen das Böse in seiner Welt zu werden. Das unauslöschliche Film-Bild für dieses radikale Opfer: Blut auf reinem, weißem Schnee. Die Wundmale an den Händen. Die Pietà. Und von da ab hörte das Kino nicht mehr auf, das Menschenopfer in den Mittelpunkt zu stellen. Blutig geopfert werden die Motorradhippies von „Easy Rider“ (1969) und die katholischen Gangster in den „Mean Streets“ (1973). In der Sprache des jungen Hollywood-Films am Ende der sechziger Jahre war die Rolle des Rebellen christlich besetzt.

In den siebziger Jahren verlor das Kino gründlich seine Zurückhaltung gegenüber der Darstellung von Blut. Es wurde auf alarmierende Weise blutrünstig. Alle Welt sprach von seiner Verwahrlosung, aber kaum jemand davon, dass dieses Leinwand-Blut auch eine religiöse Symbolik hatte. Die Leinwand versank in Blut, Fontänen schossen in Zeitlupe aus den Körpern wie in den Todesballetten des amerikanischen Regisseurs Sam Peckinpah. Das sympathische Gaunerduo „Bonnie and Clyde“ verblutete unter den Kugeln der Polizisten. Und zugleich begann eine Geschichte der Skandale in den filmischen Passionsbildern. Pier Paolo Pasolinis Film „Das erste Evangelium Matthäus“ (1964), Herbert Achternbuschs „Das Gespenst“ (1982) und schließlich Martin Scorseses „Die letzte Versuchung Christi“ (1988) spalteten das Publikum und verleiteten die Rechtgläubigen schon einmal zu körperlicher Gewalt.

Daneben gab es aber auch Versuche, die Bilder der populären Kultur und der Religion miteinander zu versöhnen, etwa in Franco Zeffirellis Christus-Film oder in dem aufwändigen, Kontinente übergreifenden TV-Projekt der neunziger Jahre. Das ging immer schief. Es scheint bislang, als könnten Christus-Filme nur das eine oder andere sein: Skandal oder Kitsch. Und die einzige Diskussion schien darüber zu gehen, was von beidem schlimmer sei.

Das Kino blickte in die Hölle. Es entwickelten sich ganze Genres um den neuen Blutkult. Vampirfilme, in denen sich die Blutsauger nicht mehr mit einer Andeutung des blutigen Kusses zufrieden gaben, Kannibalen-Filme, in denen Menschenkörper in Nahaufnahme zerrissen wurden, und schließlich die Slasher- und Splatterfilme in Serien, die beim jugendlichen Publikum zum („verbotenen“) Kult wurden: Filme, in denen man die spitzen Gegenstände in das Fleisch eindringen sieht (to slash), und Filme, in denen das Blut gepeinigter Menschen spritzt (to splatter).
Die meisten Menschen empfanden die neuen Gewaltbilder einfach als etwas Böses. Vermutlich waren sie das auch zu einem nicht unerheblichen Teil. Aber für viele waren sie auch eine merkwürdige „Erlösung“, endlich Bilder für das Grauen in der Welt, in der nichts und niemand Trost zu spenden verstand. Ein unaufhörliches Opfern. Serienweise fielen in den Achtzigern immer die Kids, die es mit Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll zu weit getrieben hatten, maskierten Mördern zum Opfer.

Es war der Teufel, der nun in Kunstblut watete, und der Mensch, der sich wie Martin Scorseses „Taxi Driver“ (1976) nach dem reinigenden Opfer sehnte. So hatten sich innerhalb weniger Jahre die Verhältnisse geradezu umgekehrt. Während sich die religiöse Bilderwelt außerhalb des Kinos „zivilisierte“ und fortschrittliche Theologen wie Eugen Drewermann die Angst- und Gewaltbilder behutsam aus dem Zentrum rücken wollten, barbarisierte sich das Kino zu einem endlosen Blut- und Opferbild. Zwar verschwanden sehr rasch die Exzesse des Leinwand-Sadismus, aber das Gewaltbild hatte in seiner mühsam gebändigten Weise auch den Mainstream erreicht. Das Blut- und Opferbild leitet mittlerweile jeden sonntäglichen „Tatort“ ein.

Die beiden Bildwelten, Religion und Kino, haben sich ineinander geschoben. Im Kino konnte man beim besten Willen nicht mehr vom Religiösen absehen, und umgekehrt konnten die Kirchen ihren strengen, überlegenen und gar zensierenden Blick auf das Kino nicht mehr aufrechterhalten. An die Stelle der gegenseitigen Ignoranz ist spätestens in den achtziger Jahren mit den Diskussionen um Scorseses Christus-Film eine Lust an der gegenseitigen Verstörung getreten.

Es ist der Trick eines Kinobildes, zugleich Gegenwart und Vergangenheit, zugleich Mythos und Material zu sein. Ein „glaubhafter“ Film ist einer, der seine Bilderlegende bis in unser körperliches Befinden einschreibt. Wir sehen nicht nur und hören nicht nur, ein Teil von uns ist im magischen Bildraum des Kinos eingetaucht. Das Mit-Leiden ist dabei die größte Chance, aber auch die größte Gefahr zwischen der Leinwand und den Kinobesuchern. Denn wer könnte im Bild der Gewalt, im Bild des Blutes, im Bild des Opfers das Mit-Leiden von der Mit-Täterschaft trennen, die Lust von der Erkenntnis, das Barmherzige vom Sadistischen?

Mel Gibsons Film „Die Passion Christi“ erinnert schon im Titel an jene Passionsspiele, die in ihrer Volkstümlichkeit immer einmal wieder antisemitische Phantasien bedienten oder erzeugten. Mel Gibsons Christus-Verständnis ist, darauf haben sich die Kritiker schon geeinigt, ein fundamentales, das heißt, es ist so eindeutig, dass es keinerlei Widersprüche zulässt. Es ist ein Ganz-oder-gar-nicht, ein buchstäbliches Glaubensbild. Die Mittel, dieses Bild zu erzeugen, sind offensichtlich: das körperliche Leiden, die Schmerzen. Nicht eine Station des Leidensweges erspart Mel Gibson den Kinobesuchern. Damit meidet er zugleich die verkitschten, abstrakten, modernen, gebrochenen Bilder. Doch diese Sichtweise auf das Leid, die nicht den geringsten Ausblick auf Versöhnung enthält, hat ihren Preis.

So wie in „bösen“ Gewaltfilmen spekulieren nun Mel Gibsons Bilder mit der Authentizität des Körperlichen. Das Blut ist das Wirkliche in einer Symbolwelt, der Schmerz die reinste Existenzform (das ist, wenn man so will, die „Philosophie“ des modernen Horrorfilms). Auf einer einfachen Ebene der Bilder ist der Film also nichts anderes als die Verknüpfung der religiösen Ikonographie mit der Erzählweise des Gewaltfilms: die Christus-Geschichte als Splattermovie.

Der Regisseur des Films benutzt die Mittel des Films so vollständig bedenkenlos, wie es nur einer kann, der keine Selbstzweifel und keine Selbstkritik kennt und für den der missionarische Zweck die unbarmherzigsten Mittel heiligt. Eine Kamera weiß nicht, wo der Unterschied zwischen dem Verharren vor einer auch körperlich ergreifenden Darstellung des Leidens und sado-masochistischen Inszenierung ist, sie weiß nicht, wo die Grenze zwischen Mit-Leiden und Hass-Erzeugen ist. Umso wichtiger ist, dass es derjenige weiß, der die Kamera führt. Es ist die Kamera, die Mel Gibson verrät. Diese Kamera, so scheint es, ist allwissend und allkönnend. Sie umkreist das Geschehen, fährt mit kalter Neugier hernieder. Sie umkreist den leidenden Körper, sucht sich den Ausschnitt mit der größten Wirkung, wechselt so effektvoll wie besinnungslos die Perspektive. Sie duldet keinen Widerspruch, packt den Zuschauer und taucht ihn in die Wunden. Es gibt keine historische Distanz, sagt die Kamera, es war, ist und wird sein: das Opfer.

So ist ein totalitärer Blick entstanden. Der Blick Gibsons ist ohne Demut; er identifiziert sich und die Betrachter des Films so vollständig mit dem Opfer, dass es keine Frage nach dem Ziel gibt, keine Hoffnung darauf, dass aus dem Opfer die Liebe erwächst. Ein Bild transzendentalen Geschehens, das selber keine Transzendenz zulässt – Glauben ohne Glaubenserfahrung. Daher fällt es so leicht, das Opfer als Erklärung der Welt und ihrer Verdammnis: Man braucht nur ein paar Kostüme zu ändern und man hätte, Bild für Bild, Tätervisage für Schmerzensdetail, ein Arrangement der ewigen Wiederkehr: die Opferung der Christen durch die Römer; die Opferung der Ketzer durch die Inquisition, die Opferung der Hexen, die eines Pferdediebes in einem Western, die Opferung der Rebellen durch den Staat und die Opferung der Verräter durch die Rebellen, die Opferung der Feinde, der Verbrecher, der Wahnsinnigen, die Mordanstalten der Konzentrationslager. Gibson fundamentalisiert das religiöse Bild, indem er es mit dem historischen verknüpft und alles Mythische daraus vertreibt.

Aus der Versöhnung der religiösen Bilder mit den Kino-Bildern ist paradoxerweise ein unversöhnliches Bild geworden.

© chrismon - © Hansisches Druck- und Verlagshaus, 24.03.2004

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Passion: Das Blut, die Römer und die Kreuzigung uparrowprint druckenemail versenden

Das Blut als „Sitz des Lebens“ – was Juden und Christen sagen

Im Judentum gilt das Blut als der Sitz des Lebens, der Seele (5. Buch Mose, Kapitel 12). Nur dadurch erklärt sich: Blut kann zum Himmel schreien. Gott hat das Leben gegeben (1. Buch Mose, Kapitel 2), er wacht darüber, dass es nicht angetastet wird. Nicht einmal das Blut von Tieren darf genossen werden. Wer sogar das Blut von Menschen vergießt, vergreift sich am Schöpfer selbst. Gott wird alles vergossene Blut rächen. Im Neuen Testament, vor allem bei Paulus, ist das Blut eine Chiffre für die Heilstat Jesu. Für ihn steht der blutige Tod Jesu im Zentrum der Erlösung (1. Korintherbrief, Kapitel 1). Der Hebräerbrief geht besonders ausführlich auf das Opfer Jesu ein. An die Stelle der Opfertiere im Tempelkult tritt der Sohn Gottes, an die Stelle der Altarbesprengung mit Blut tritt die Vergebung der Sünden, an die Stelle der symbolischen tritt die wirkliche Versöhnung (Hebräerbrief Kapitel 10, 1–10).

Die Todesstrafe der Kreuzigung – von den Römern, nicht für die Römer

Die Kreuzigung wurde vermutlich von den Persern erfunden. Alexander der Große (356–323 v. Chr.) ließ sie in großem Umfang verhängen. Über die Karthager kam sie im dritten Jahrhundert während der Punischen Kriege zu den Römern. Allein 6000 Kreuze säumten nach dem Spartakusaufstand die antike Straße Via Appia zwischen Rom und Capua. Römische Bürger blieben von dieser Hinrichtungsart verschont, allerdings nicht unbedingt in Fällen schweren Landesverrats. Die Kreuzigung wurde verhängt bei Raub, Mord, Brandstiftung, Fahnenflucht, Hochverrat, Anstiftung zum Aufruhr und Majestätsverbrechen. Der letztgenannte Grund traf im Falle Jesu zu:

Er soll eine Rolle als König beansprucht haben. Erst Kaiser Konstantin schaffte im Jahr 315 die Kreuzigung ab – nach seiner Hinwendung zum Christentum. Unter ihm wurde das Kreuz zu einem verbreiteten Symbol des Christentums.

Der Römer wusch sich die Hände in Unschuld. Trifft die Juden alle Schuld?

Wer menschliches Blut vergießt, auf den fällt nach jüdischer Auffassung Blutschuld. Das „ganze jüdische Volk“ soll Pilatus, den römischen Gerichtsherrn, mit den Worten zum Todesurteil motiviert haben: „Jesu Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Matthäus 27, 25). Stimmt das? Historiker sagen: Es können nur wenige Zeugen bei dieser Verhandlung zugegen gewesen sein, wenige Dutzend bis höchstens hundert an der Zahl. Ob diese Worte überhaupt gefallen sind, bezweifeln
Bibelwissenschaftler. Diese Aussage geht wohl eher auf den Autor des Evangeliums, auf Matthäus, zurück: Er entlastete die Heiden (einschließlich Pilatus) und belastete die Juden.

© chrismon - © Hansisches Druck- und Verlagshaus, 24.03.2004

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Passion Christi: Zwischen Brechreiz und Betroffenheit - von Ulrike Sellmer uparrowprint druckenemail versenden

Nach dem Kinobesuch bietet Theologieprofessor „Jungen Erwachsenen“ Gespräch über den umstrittenen Film an

Hannover – Eben noch Eis-Werbung und Handy-Reklame, und mit einem Satz ist man plötzlich mittendrin im Geschehen: „Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen“ – Schwarz auf Weiß steht das auf der Leinwand. Schnell wird der Griff in die Popcorn-Tüte zurückhaltender und der Bedarf nach Taschentüchern größer. „Ich habe geweint und bin immer noch total aufgewühlt“, sagt die 21-jährige Theologie-Studentin Hanna Bylinski, nachdem sie den Kinosaal verlassen hat. „Die Passion Chris-ti“ hat Spuren hinterlassen. „Ich wollte einfach wissen, ob der Film wirklich so schlimm ist, wie alle erzählen“, sagt Jörn Dettmar. Der Fachinformatiker und die Theologie-Studentin gehören zur katholischen Initiative „Junge Erwachsene“ in Hannover, die kulturelle und spirituelle Angebote für 20- bis 35-Jährige in ihrem Programm hat. Jetzt veranstaltete die Initiative in Zusammenarbeit mit der Katholischen Erwachsenenbildung in der Region Hannover einen Gesprächsabend zu Mel Gibsons neuem Film, der bei den jungen Leuten die unterschiedlichsten Reaktionen hervorgerufen hat: „Ich dachte die ganze Zeit, hört doch endlich auf damit, auf ihn einzuprügeln!“, beschreibt jemand seine Gefühle während der Vorführung. Eine andere: „Mich hat der Film sehr geärgert. Ich halte Mel Gibson für einen gefährlichen Spinner!“ Der 20-jährige Jörn meldet sich zu Wort: „Am schlimmsten fand ich, dass die Leute um Jesus herum alle so hilflos waren.“ Eine ähnliche Stimme dazu aus einer anderen Ecke des Raumes: „Mir hat mein Herz stellenweise richtig weh getan“, sagt Martin Szymanski. „Durch den Film habe ich wieder neu begriffen, was es heißt Christ zu sein.“

Doch das sagt der 20-jährige nicht vor der großen Runde. Er steht ein wenig abseits der Gruppe, als er von diesen Eindrücken erzählt. „Bei manchen Szenen wollte ich sogar rausgehen, aber irgendwas hat mich zurückgehalten, selbst an der Stelle, als die Hände Jesu auf grausamste Weise von den Nägeln durchbohrt wurden. Irgendwie wollte ich einmal Jesu Leiden in seinem ganzen Ausmaß durchleben.“ Auch Martin konnte dabei nicht auf Taschentücher verzichten und schlecht war ihm auch, „obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, mit Abstand in den Film zu gehen“. Im Nachhinein ist dem Schüler klar: „Das geht gar nicht! Auch wenn der Film sehr brutal ist, so strahlt er doch Faszination aus.“

„Mich hat Mel Gibsons Film sehr an meine Kindheit mit Kreuzwegandachten und Marienwallfahrten erinnert“, sagt Professor Dr. Alois Stimpfle, Neu-testamentler an der Universität Hannover und Referent des Abends. „Die Passionsgeschichte ist ein Frömmigkeitsdrama, das den Zuschauer weniger informieren als vielmehr hineinziehen will in sein Geschehen. Die Menschen sollen richtig mitleiden, nicht nur seelisch sondern auch körperlich.“ Auf diese Weise werde „Die Passion Christi“ dem Tenor des Films „Durch sein Blut sind wir erlöst“ gerecht. Dieses Motto sei nicht nur bibeltheologisch „wunderbar getroffen“, sondern auch filmisch ungeheuer eindrucksvoll wiedergegeben, so Stimpfle. Ganz und gar nicht dieser Meinung ist Tim Krechting, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Theologischen Fakultät: „In dem Film wird Gewalt plakativ dargestellt. Für mich ist das die reinste Gewaltpornografie!“ Aber Geißelung und Kreuzigung seien doch nun wirklich alles andere als ein Zuckerschlecken gewesen, protestiert da jemand aus der Gruppe: „Warum also nicht so knallhart und realistisch darstellen, wie es tatsächlich gewesen sein könnte?“ Außerdem wolle Mel Gibson vielleicht auch die verschlafene Menschheit mit solchen gewalttätigen Szenen aufrütteln, sagt ein anderer. Und gleich noch einer: Grausame Szenen gebe es doch nun wirklich ohnehin ständig, warum also nicht auch in Form eines Kinofilms über Jesus und seinen Leidensweg? „Blicken wir doch nur mal nach Ruanda, wo es fast täglich grausame und menschenverachtende Massaker gibt! Das ist doch im Grunde nichts anderes. Und da protestiert niemand!“ Schweigen im Saal, nachdenkliche Blicke. Dann meldet sich noch einmal der Theologe zu Wort: „Der Film nimmt ganz einfach die Bibel und ihre Formulierungen wörtlich und spricht in ganz konkreten Bildern zu uns. Vielleicht ist vielen genau das so unheimlich, weil sie sich von Mel Gibson provoziert fühlen.“

Ulrike Sellmer

(C) KirchenZeitung Die Woche, (Bistum Hildesheim), Domhof 24, D-31134 Hildesheim

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