„Genitale Verstümmelungen gibt es auch unter Migranten in Berlin“print druckenemail versenden

Berlin/Deutschland, 24.06.2012 / APD

Waris Dirie, UN-Sonderbotschafterin - Frauenbeschneidung

Waris Dirie, UN-Sonderbotschafterin - Frauenbeschneidung

© Foto: UNFPA

„Jedes Jahr sage ich mir: Es ist das letzte Jahr! Doch ich kann nicht aufhören“, betonte die gebürtige Afrikanerin Waris Dirie, die sich weltweit gegen die Genitalverstümmelung von jungen Mädchen einsetzt, beim 3. Internationalen Koloproktologiekongress im adventistischen Krankenhaus „Waldfriede“ in Berlin-Zehlendorf. Genitale Verstümmelungen gebe es nicht nur in Afrika oder Asien, sondern beispielsweise auch unter Migranten in Berlin. Sie erinnerte an ihre eigene Beschneidung im Alter von fünf Jahren in der somalischen Wüste an der Grenze zu Äthiopien, indem sie eine Szene aus dem Film „Wüstenblume“ zeigte. Viele Mädchen würden jeden Tag nach diesem Ritual aufgrund von Schock oder Infektionen sterben. „Wir brauchen Bildung, aber auch die Hilfe von Ärzten, um hier etwas zu ändern.“ Eine Person könne die Welt kaum verändern, „aber wenn viele mithelfen, kann sich etwas ändern“, gab Waris Dirie zu bedenken.

Das Nomadenmädchen in Somalia flüchtete im Alter von 13 Jahren vor der Zwangsverheiratung mit einem Mann, der ihr Grossvater hätte sein können. Sie kam schliesslich nach London und arbeitete dort als Hausmädchen und bei einer Fast-Food-Kette. Mit 18 Jahren wurde sie vom englischen Star-Fotografen Terence Donovan als Model entdeckt und gelangte zu internationaler Berühmtheit. Waris Dirie zierte die Titelseiten der grossen Mode- und Frauenmagazine von „Vogue“ bis „Marie Claire“. Als James Bond Girl spielte sie an der Seite von Timothy Dalton in „Der Hauch des Todes“.

Die BBC drehte 1995 über ihre einmalige Karriere den Dokumentarfilm „Eine Nomadin in New York“. 1996, auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere, berichtete Waris Dirie erstmals der Journalistin Jaura Ziv für die Zeitschrift „Marie Claire“ über ihre Beschneidung und löste damit ein weltweites Medienecho aus. Im selben Jahr wurde sie UN-Sonderbotschafterin gegen Beschneidung. 1997 erschien in New York ihre Biografie „Wüstenblume“, ein internationaler Bestseller der einschliesslich 65 Lizenzausgaben über elf Millionen Mal verkauft wurde. Im März 2008 verfilmte der deutsche Oscar-Preisträger Peter Hermann das Buch. Der Film lief bisher in über 30 Ländern. 2002 gründete Waris Dirie die „Desert Flower Foundation“ in Wien, die weltweit Kampagnen gegen weibliche Genitalverstümmelungen durchführt.

In einem Expertengespräch im Anschluss an die Ausführungen von Waris Dirie beim Koloproktologiekongress informierte der Geschäftsführer der „Desert Flower Foundation“, Walter Lutschinger, dass die genitale Verstümmelung von Mädchen in 28 Ländern, vor allem in Afrika, im arabischen Raum und in Asien praktiziert werde. Das grausame Ritual gebe es nicht nur bei Muslimen und einheimischen Religionen, sondern auch bei Christen. Auch in Migrantenfamilien in Europa, den USA, Kanada und Australien werde dies praktiziert. „Laut UN-Angaben werden täglich 8.000 Mädchen Opfer dieses unmenschlichen Rituals, und über 2.000 von ihnen überleben es nicht“, so Lutschinger. Weltweit seien rund 150 Millionen Frauen durch Genitalverstümmelung traumatisiert.

„Wenn du nicht beschnitten bist, bist du keine Frau, sondern ein kleines Mädchen“. In bestimmten Kulturen werde damit Druck ausgeübt, betonte die aus Afrika stammende Evelyn Brenda, welche in Kenia ein Internat betreut, das Mädchen Zuflucht vor Beschneidung und Zwangsheirat bietet. Um hier ein Umdenken zu bewirken, müssten alle Familienmitglieder einschliesslich der Männer mit einbezogen werden. In einem weiteren Projekt kümmere sich Brenda inzwischen auch um Frauen, die durch Genitalverstümmelung inkontinent geworden seien. Operativ könne in vielen Fällen Abhilfe geschaffen werden.

Auch das Berliner Krankenhaus „Waldfriede“ wolle in Deutschland Migrantenfrauen, die genital verstümmelt und dadurch inkontinent geworden seien, mit einer operativen plastischen Chirurgie helfen, berichtete der Geschäftsführer der Klinik, Bernd Quoss. Bis zum Frühjahr 2013 könnten dazu die medizinischen Voraussetzungen geschaffen werden. Das Projekt sollte weitgehend aus Spendengeldern des Krankenhauses finanziert werden.

Der 3. Internationale Koloproktologiekongress vom 21. bis 22. Juni in Berlin fand in Zusammenarbeit des Krankenhauses „Waldfriede“ mit der Florida-Hospital-Kette in Orlando/USA sowie der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH) und der Deutschen Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) statt. An dem Kongress nahmen etwa 400 Ärzte aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Lateinamerika sowie Australien teil. Die Referenten kamen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Frankreich, Italien, Spanien, Irland, Belgien, Dänemark, Polen, den USA, Indien und Thailand. Es gab auch Live-Operationen in Berlin und Orlando, die mittels Televideokonferenz nach Deutschland beziehungsweise in die USA übertragen wurden. Dabei wurde erstmals in „Waldfriede“ ein künstlicher Schliessmuskel eingesetzt. Einer der Vorträge fand auch im Parlaments-Restaurant des Deutschen Reichstages in Verbindung mit einem Abendessen statt.

Das Akutkrankenhaus „Waldfriede" wurde 1920 von der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten gegründet. Es hat 170 Betten und versorgt mit den Fachabteilungen Allgemeinchirurgie, Anästhesie, Brustzentrum, Gynäkologie und Geburtshilfe, Hand- und Fusschirurgie, Innere Medizin, Interdisziplinäres Beckenbodenzentrum, Intensivmedizin, Radiologie und den Zentren für Darm- und Beckenbodenchirurgie (Koloproktologie) sowie Diabetes und Diabetisches Fuss-Syndrom jährlich 14.200 Patienten stationär und 46.200 ambulant. „Waldfriede“ ist europäisches Ausbildungszentrum für Operationstechniken in der Koloproktologie. Mit der Florida-Hospital-Kette, zu der 18 adventistische Krankenhäuser im US-Bundesstaat Florida gehören, besteht ein Kooperationsabkommen. Dadurch seien unter anderem ein regelmässiger gegenseitiger Ärzteaustausch sowie die zusätzliche Fort- und Weiterbildung von medizinischem Personal möglich. Das Lernen von Operationstechniken geschehe, wie jetzt beim Kongress, auch über Telemedizin.

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