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Papst-Vermächtnis: "Ich bin froh, seid ihr es auch!" - von Michael Rutzprint druckenemail versenden

PAPST JOHANNES PAUL II.
Im Mittelpunkt der Kirche – der Mensch. Das ist sein Vermächtnis „Ich bin froh, seid ihr es auch!“

von Michael Rutz

Das Lebenswerk von Johannes Paul II. hat die Welt menschlicher gemacht. Mit seiner Unbeugsamkeit nötigt er selbst Kritikern Respekt ab.

Keiner hat bisher so weltweit, so öffentlich gelebt. Und keiner ist so öffentlich gestorben. Die Welt nahm in den letzten Tagen live Abschied von diesem Papst. Sie blickte auf seine Fenster, als er verschied, sie begleitete seine sterblichen Reste in den Petersdom und von dort ins Grab. Selbst jene, die kirchenfern sind, haben gespürt: Mit Johannes Paul II. ging ein ganz Grosser aus diesem Leben.

„Im Mittelpunkt der Kirche steht der Mensch“– dieser Leitsatz hat sein Pontifikat bestimmt. Deshalb hat er die Aufmerksamkeit der Menschen gesucht. Er wollte ihnen begegnen, in Rom und auf seinen mehr als einhundert Reisen. Er hat diese Reisen fernsehgerecht inszeniert, weil er nicht nur jene 350 Millionen Gläubigen erreichen wollte, die ihn auf seinen Reisen direkt erlebten, er wollte auch die anderen inspirieren, daheim am Fernseher. Dieser Papst wusste um die suggestive Kraft des Fernsehbildes, er sah in den Medien wichtige Kanzeln der Gegenwart, er baute auf die machtvolle Beförderung, die Botschaften durch die Medien erfahren.

Es waren gute Botschaften, die dieser Papst im Gepäck hatte. Indem er mit einer zuvor eurozentrierten Kirche aufbrach in die Welt, hat er in vielen Erdteilen die Idee des Christentums tiefer verankert als zuvor, er hat den Katholizismus stärker gemacht, als er je war. Er hat vorgelebt, welche grosse Lebensfreude sich aus spiritueller Kraft ziehen lässt. Er hat aber auch keinen Zweifel daran gelassen, dass der Christ in der Pflicht steht, diese Welt politisch mitzugestalten, und welche Leitlinien dafür gelten.

Christen, das war dabei die wohl wirkungsvollste Botschaft, wissen zu unterscheiden zwischen weltlicher und kirchlicher Macht, die eine zuständig für das Wohl, die andere für das Heil der Menschen. Totalitäre Staaten haben sich deshalb mit dem Christentum nicht arrangieren können; Kommunisten, Faschisten und Nationalsozialisten haben jene stets verfolgt, die neben den verordneten totalitären Ikonen noch einen anderen Gott kannten und daher jedem Gottkaisertum, jeder Theokratie entgegentraten. Das war die fundamentale Überzeugung, die der polnische Papst vorlebte und predigte, deshalb haben ihn die kommunistischen Führer des ehemaligen Ostblocks derart gefürchtet, dass sie Attentate auf ihn organisierten – alles ohne Erfolg: Johannes Paul II. trug mit seinem Freiheitswillen wesentlich dazu bei, die kommunistischen Systeme zum Einsturz zu bringen.

Sachwalter der Armen

Die andere Botschaft: Im Mittelpunkt des christlichen Menschenbildes steht das Engagement für die Schwachen, für die Benachteiligten dieser Welt. Sie haben Anspruch auf Zuspruch, aber – im politischen Staat – eben auch auf ein christlich fundiertes Gesellschaftssystem, das eine ausgleichende Sozialpolitik, eine chancenfördernde Bildungspolitik und ein Rechtssystem kennt, vor dem alle Menschen gleich sind. Die Entschiedenheit, mit der Papst Johannes Paul II. seine Gesellschaftskritik in kapitalistischen wie kommunistischen Systemen vortrug, hat ihm die Gefolgschaft der Menschen eingebracht, die sich von ihm verstanden und vertreten fühlten, die in ihm ihren Sachwalter sahen. Er hat Demokratie gepredigt, die Teilhabe der Menschen. Auch deshalb war er stolz darauf, dass manche ungerechterweise Mächtige der Welt Opfer seiner strikten Vorstellung von Gerechtigkeit wurden.

Wider den Zeitgeist

Doch: Alles Bemühen um die Sozialität einer Gesellschaft bleibt sinnlos, wenn sie nicht aufbaut auf einem unbedingten Schutz des Lebens: am Lebensanfang, am Lebensende, inmitten des Lebens durch Krieg und Drangsalierung. Johannes Paul II., der Lebensschützer – seine unbeugsame Unbequemlichkeit hat den Zeitgeist nicht akzeptiert, der viele Gründe kennt, den Schutz des Lebens zu relativieren – durch die diversen Indikationen der Abtreibung am Anfang des Lebens, durch Variationen der Sterbehilfe am Lebensende. Das hat ihm den Vorwurf der Rückständigkeit eingetragen, dass er ihn an dieser Stelle mit Stolz akzeptiert hat, war eine seiner stärksten Seiten. Auch in dieser Frage drohte der Papst nie: Er hat stets zum Leben ermutigt und zu überzeugen versucht.

Johannes Paul II. hat auf all diesen Feldern wesentlich dazu beigetragen, jenen ethischen und moralischen Grundwortschatz zu sichern, ohne den ein Zusammenleben der Völker, aber auch ein individuell verantwortetes Leben nicht möglich ist. Er hat selbst grossen Zweiflern überzeugend dargelegt, wie wichtig der Beitrag des Christentums angesichts der Aufgabe ist, die normativen Bestandsvoraussetzungen einer Gesellschaft zu formulieren im Kampf gegen die „Pathologien der Vernunft“, wie Joseph Kardinal Ratzinger das einmal genannt hat.
Diese ethisch-moralische Autorität hat die katholische Kirche zu einem weltweit wirksamen politischen Faktor gemacht. Papst Johannes Paul II. gab ihr die Kraft, vielfältig zu vermitteln, im politischen Zwist ebenso wie im kulturellen. Er hat so die Wege offen gehalten für das grosse Zukunftsthema: eine Verständigung des Islam nicht nur mit den anderen Religionen, sondern seine Verständigung auch mit einer aufgeklärten Welt.

Es ist wahr: Johannes Paul II. hatte eine feste Botschaft. Eine Position aber verlangt auch um ihrer Klarheit willen Kompromisslosigkeiten und Grenzziehungen. Anders als mit solchen unzweideutigen Standpunkten kann auch die Aufgabe nicht gelingen, eine weltumspannende Kirche in so vielen Kontinenten zusammenzuhalten, in denen die Lebensverhältnisse höchst unterschiedlich sind. Indem er seiner Kirche Vorgaben machte, schloss er auch Missverständnisse aus, liess er Beliebigkeiten nicht entstehen. Für diejenigen, die ihm in seinen Auffassungen folgten, war das ein Segen. Den anderen gab er einen Massstab für ihre Abweichung, für ihr Gewissen.

Angesichts der Leistung dieses Papstes greift es zu kurz, ihn nur anhand jener wenigen Fragen zu beurteilen, in denen manche westeuropäische Christen Dissens verspüren: etwa bei den, nach allen Erfolgen, noch offenen Fragen der christlichen Ökumene; der aktiven Rolle der Frau in der Kirche; beim Pflichtzölibat oder der kirchlichen Sexualmoral. In diesen Fragen mag sich durch kommende Päpste etwas ändern oder auch nicht. Die Standfestigkeit Johannes Pauls II. aber wird hier selbst jenen Respekt abnötigen, die anderer Meinung sind und sich in diesen Themen an ihm und ihrer Kirche reiben konnten.

Prinzipienfest handeln

Sie alle wissen, dass diese Welt, die an so vielen Stellen brüchig geworden ist, äusserlich wie innerlich, im Grunde nichts dringlicher braucht als Menschen, die mit ganz festen Überzeugungen für eine menschenwürdige Welt eintreten, die davon nicht nur reden, sondern sie durchzusetzen suchen. Das sind nicht jene, die sich dem Zeitgeist beugen, die einem liberalistischen Individualismus huldigen. Vielmehr kommt es auf die an, die an einem ethisch-moralischen Grundbestand für die res publica interessiert sind. Sie geben der Welt jene notwendige Form, in der auch das Formlose überleben kann.

Die letzten Worte Johannes Pauls II., so heisst es, seien gewesen: „Ich bin froh, seid ihr es auch.“ Da ist einer, der vorgemacht hat, wie es gehen kann: prinzipienfest leben, für diese Prinzipien kämpfen, diese Welt fröhlich zu akzeptieren in der Überzeugung, Christen müssten immer etwas erlöster aussehen als die anderen.

Johannes Paul II. hat all das getan, er war am gelöstesten, wenn er feiern konnte, zumal mit jungen Leuten. Und er hat schliesslich gezeigt, dass der Tod zum Leben gehört und auch er Anlass sein kann zu Hoffnung.

© Rheinischer Merkur
Erschienen in der Nummer 14 (07.04.2005)

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