Vatikan; "Protestantische Gemeinden sind keine Kirchen"print druckenemail versenden

Berlin/Deutschland, 10.07.2007/Die Welt

Pressestimmen: Die Welt

Für die Ökumene ist es ein herber Schlag: Der Vatikan hat ein neues Dokument über das eigene Kirchenverständnis veröffentlicht, in dem sich die katholische Kirche erneut von den Protestanten abgrenzt – die evangelische Kirche fühlt sich brüskiert.

Nur in der katholischen Kirche bestehe die von Jesus Christus begründete Kirche weiter, betont die Glaubenkongregation in fünf „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ . Der Vatikan wolle aber an der Ökumene festhalten, wurde bekräftigt. Das vorliegende Schreiben sei auf Grund von „irrigen Interpretationen“ des Zweiten Vatikanischen Konzils der sechziger Jahre nötig geworden, heißt es. Papst Benedikt XVI. habe die vom Präfekten der Kongregation, Kardinal William Levada, unterzeichneten Antworten „gutgeheißen, bestätigt und deren Veröffentlichung angeordnet“.

Die Tür zur Ökumene bleibt offen Entgegen auch unter katholischen Theologen verbreiteten Interpretationen habe das von Papst Johannes XXIII. einberufene Konzil keine Wende im Kirchenverständnis eingeläutet. „Das Zweite Vatikanische Konzil wollte diese Lehre nicht verändern, es wollte sie vielmehr entfalten, vertiefen und ausführlicher darlegen.“

Den aus der Reformation hervorgegangenen christlichen Gemeinschaften könne nach katholischem Verständnis kein Kirchenstatus zuerkannt werden, heißt es in dem vom Sekretär der Kongregation, Erzbischof Angelo Amato, mit unterzeichneten Dokument. Grund sei die fehlende „apostolische Sukzession im Weihesakrament“.

Ohne sakramentales Priestertum gebe es jedoch keine „vollständige Wirklichkeit des eucharistischen Mysteriums“, so das Papier. Da die Orthodoxen im Unterschied zu den Protestanten „trotz ihrer Trennung wahre Sakramente besitzen“, seien sie als Kirchen anzuerkennen.

Kardinal Lehmann sieht darin Chancen für einen Dialog mit Protestanten

Kardinal Karl Lehmann hat dennoch zur Fortsetzung des ökumenischen Dialogs aufgerufen. „Die erneute katholische Stellungnahme der Glaubenskongregation mag besonders in ihrer Knappheit und Dichte hart erscheinen, aber sie lässt grundlegend Raum, die anderen Kirchen nicht nur moralisch, sondern theologisch als Kirchen zu achten“, erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in Bonn. „Die Gleichsetzung Kirche = katholische Kirche wird eingeschränkt.“

Dies ermögliche eine echte Ergänzung und einen aufrichtigen Dialog. Nach den Worten des Kardinals hat die Glaubenskongregation offenbar wegen anhaltender Fehldeutungen die vom Zweiten Vatikanischen Konzil formulierte katholische Lehre über die Kirche erneut wiederholt.

Dabei sei sich die Glaubenskongregation der ökumenischen Tragweite ihres Dokuments bewusst. Zwar habe die katholische Kirche ihren Anspruch nicht preisgegeben, dass man die Kirche Jesu Christi in der katholischen Kirche findet. Sie habe aber ihren Absolutheitsanspruch im Sinne einer puren Identifikation reduziert und erblicke in den anderen christlichen Glaubensgemeinschaften „eine wirkliche Anteilnahme am Kirchesein“. Der eigene Anspruch dürfe nicht zu irgendeiner Überheblichkeit führen, betonte Lehmann. Denn durch die Spaltungen sei auch die Fülle der katholischen Kirche eingeschränkt. Die Konzilslehre über die Kirche ist nach Ansicht des Kardinals zwar eine bleibende Norm, „aber keine abschließende Endstation, sondern eher verheißungsvoller Anfang“. Die Theologie müsse sich um ein tieferes Verständnis des Kircheseins einschließlich des Amts-Verständnisses bemühen.

Bischof Huber kritisiert Vorsatz in Brüskierung der Ökumene

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) bezeichnete das neue Vatikan-Dokument dagegen als Brüskierung der Ökumene. Die in Rom vorgelegten „Antworten auf Fragen zu einigen Aspekten bezüglich der Lehre über die Kirche“ der Glaubenskongregation seien eine „vertane Chance“, erklärte der EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber in Hannover. Nach wie vor würden evangelische Kirchen abgewertet. Die Hoffnung auf einen positiven Wandel der Ökumene sei „erneut in die Ferne gerückt“.

Huber kritisierte vor allem, dass das neue Dokument insbesondere den Kirchen der Reformation die Anerkennung als „Kirchen im eigentlichen Sinn“ erneut verweigere. Damit erweise es sich als „unveränderte Neuauflage der anstößigen Aussagen“ der umstrittenen Vatikan-Erklärung „Dominus Jesus“. In vollem Bewusstsein der innerkatholischen wie der ökumenischen Diskussion seit dem Jahr 2000 würden die damaligen Aussagen wiederholt. Huber: „Von Fahrlässigkeit kann niemand mehr sprechen; es handelt sich um Vorsatz.“

In den vergangenen Jahren seien viele Vorschläge gemacht worden, um die anstößige Ausdrucksweise zu überwinden, reformatorische Kirchen seien „nicht Kirchen im eigentlichen Sinn“, so Huber. „Es würde ja auch vollständig reichen, wenn gesagt würde, die reformatorischen Kirchen seien 'nicht Kirchen in dem hier vorausgesetzten Sinn', oder sie seien 'Kirchen anderen Typs'“, bekräftigte der Berliner Bischof. Aber keine dieser Brücken seien vom Vatikan betreten worden. Insofern seien diese „Antworten“ eine vertane Chance.

Die Einsicht, dass ökumenische Fortschritte wechselseitigen Respekt für das „Kirchesein des ökumenischen Partners“ voraussetzen, bleibe in dem neuen Dokument unberücksichtigt, fügte Huber hinzu. Er hoffe, dass die ökumenische Sensibilität, von der die Beziehungen zwischen den christlichen Kirchen in Deutschland weithin geprägt seien, sich dennoch bewahren lasse. Die römischen „Antworten“ jedoch ließen einen tieferen Sinn für die Relativität des eigenen Standpunkts vermissen. „Dadurch wirken sie ökumenisch brüskierend.“

Der Gedanke freilich, auch der römisch-katholischen Kirche könnten Elemente fehlen, die anderen Kirchen wichtig sind, erhalte in dem neuen Dokument keinen Raum, kritisierte Huber. Als Beispiel nannte er den Respekt vor der Urteilsfähigkeit der Gemeinden, der gleiche Zugang von Frauen zum geistlichen Amt oder die Einsicht in die Fehlbarkeit des kirchlichen Lehramts.

(C) Tageszeitung Die Welt

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